Pflegeproblem ist lösbar

Pflegenotstand oder politisches Versagen?

Es gibt keinen Pflegenotstand in Deutschland. Die Lösung der Pflegeprobleme ist möglich. Das braucht aber eine Politik, die in Menschen investiert und das lukrative Geschäft mit der Pflege unterbindet. Es gibt in der Bevölkerung genügend qualifizierte Pflegekräfte und die Pflegekosten liegen in einer überschaubaren Größenordnung. Mehr Pflegebedürftige und eine ältere Bevölkerung sind also keine Katastrophe. Es gilt jetzt, Gesundheitsförderung und Prävention, innovative Versorgungskulturen und eine patientennahe Betreuung in der häuslichen Umgebung, also Pflege daheim statt im Heim, sicherzustellen.

Der Internationale Tag der Pflegenden - jährlich am 12. Mai - gibt Anlass, die Pflege neu zu denken und ihre Bedeutung für die Menschen in Deutschland bewusst zu machen: Nicht als Thema der Angst und Hilflosigkeit, sondern als gesellschaftliche Herausforderung, die Alter und hohe Lebenserwartung als Ressource und Chance begreift.

„Es geht um einen Perspektivenwechsel in der Problemsicht und eine beherzte Pflegepolitik, die Pflegekräfte und Pflegebedürftige als Menschen respektiert und Pflege möglichst lebensnah als Beziehungsarbeit organisiert“, sagt Dr. Ellis Huber, Vorsitzender des Berufsverbandes der Präventologinnen und Präventologen und Leiter der St. Leonhards-Akademie gGmbH in Berlin: „Es gibt genügend Pflegekräfte mit sozialem Empfinden und menschlichem Herz. Sie wollen eine helfende Beziehung zu ihren Patienten und deren Angehörigen eingehen und Pflege so gestalten, dass sie würdig, effizient und effektiv ist. Dies ist auch nachweislich besonders wirtschaftlich“.

Entmenschlichte Arbeitsbedingungen in der Pflege

Krankenpfleger und Krankenschwestern bleiben in Deutschland durchschnittlich nur 7,5 Jahre im Beruf. Dann werfen die gelernten Fachkräfte das Handtuch. Da wir eine Lebensarbeitszeit von mindestens 40 Jahren haben, gibt es drei bis vier Mal so viele pflegekompetente Menschen in der Bevölkerung, als gegenwärtig tätig sind. Im Jahr 2018 waren 1,6 Millionen Fachkräfte in der Alten- und Krankenpflege beschäftigt. 40.000 Stellen konnten nicht besetzt werden. 4 bis 6 Millionen qualifizierte Pflegekräfte sind ausgestiegen. Das hängt mit den unmenschlichen Arbeitsbedingungen zusammen.

Und es liegt an der quälenden Situation für alle Beteiligten. Ob Betreuer, Betreuter oder Angehöriger eines zu Betreuenden: Kaum einer ist glücklich mit dem, was gegenwärtig in unserem Pflegesystem geschieht. Die einen wie die anderen fühlen sich als Objekt einer Maschinerie, die sie zu etwas zwingt, was sie gar nicht wollen. Betreuung und Pflege sind heute vergleichbar mit stupider, produktionsorientierter Fließbandarbeit. Abgerechnet wird nach Leistungskomplexen wie „Ganzwaschung“, „Teilwaschung“ oder „Hilfe bei der Nahrungsaufnahme“.

„Dahinter steckt ein entmenschlichtes industrielles Arbeitsmuster, das systematisch Beziehungen zerstört“, diagnostiziert Ellis Huber zur Krankheit des Pflegesystems. „Dabei gibt es in der Betreuung hilfsbedürftiger Menschen kaum Wichtigeres und Wertvolleres als gute zwischenmenschliche Beziehungen. Verständnis, Vertrauen, Verlässlichkeit sind das, was Pflegedürftige von ihren Angehörigen wie Betreuern am meisten suchen. Vor diesem Hintergrund brauchen wir eine neue Kultur des Miteinanders. Sie liegt quasi vor unserer Haustür. Denn sie erwächst am besten in Nachbarschaften. Man kennt den Ort, man kennt sich und man weiß, wer gerade Unterstützung benötigt“.

Beispiel "Buurtzog" - Nachbarschaftshilfe in den Niederlanden

Ein Paradebeispiel für eine persönliche Betreuung im Wohnumfeld finden wir in Holland: Es heißt Buurtzorg - Nachbarschaftshilfe. Dieses System, in dem mittlerweile 14.000 Betreuer in kleinen Teams mit großem Elan und viel Freude arbeiten, macht die Gesamtversorgung um fast 40 Prozent preiswerter. Nur 50 Personen sind im Management und in der Verwaltung tätig.

Und alle Beteiligten sind zufriedener: Die Pflegekraft, weil sie in ihrem Beruf ihrer Berufung folgen und für ihre Betreuungspersonen ungehindert Hilfe auf menschlicher Beziehungsbasis leisten kann. Und die Betreuten sind glücklich, weil ihnen der vertraute Helfer aus der Nachbarschaft ein verständnisvoller und verlässlicher Partner ist.

Dieses Konzept einer beziehungsgestützten Pflege, eines kontaktvollen Miteinanders, greift bei kleineren Gebrechen ebenso wie bei schweren Krankheiten. In Zusammenarbeit mit Kommunen, freien und gemeinnützigen Trägern oder Sozialgemeinden ist ein solches System auch in Deutschland möglich.

Investition für menschliche Beziehungen in der Pflege

Unser derzeitiger Pflegenotstand liegt nicht am fehlenden Geld. Etwa 40 Milliarden Euro finanziert jährlich die Pflegeversicherung. Gut 400 Milliarden Euro werden im Gesundheitswesen insgesamt umgesetzt. Die Pflegeausgaben zu verdoppeln wäre finanziell durchaus zu stemmen. Es liegt an einer Politik, die Menschen entmündigt und zu Objekten von Verwaltungsbürokratie und Gesetzen macht.

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der sozial verantwortliche Personen effektiv und effizient zusammenwirken können: Sorgende Gemeinden. Das geht dort, wo die Menschen zu Hause sind und ihre Heimat haben. Prävention und Gesundheitsförderung sind wirksam.

„Sollen Betreuer und Pfleger aus der Nachbarschaft das jetzige System überwinden, braucht es eine andere Finanzierungssystematik. Es erfordert eine Organisation, die künftig nicht mehr über die Hälfte des Geldes für sinnentleerte, überflüssige Bürokratie und Dokumentationspflichten ausgibt. Wir brauchen ein Pflegesystem, bei der das Geld in die menschlichen Beziehungen fließt. Deshalb müssen wir die Pflegekräfte künftig auch für den Zeitaufwand bezahlen, den sie in ihre soziale Arbeit stecken. Zeitpauschalen sind viel menschlicher als vordefinierte Leistungskomplexe nach dem Fließbandschema“, sagt Ellis Huber.

In Norwegen verhindern kommunale Einrichtungen über 40 Prozent der Heimeinweisungen durch Bewegung und neue Gemeinschaft. In den Skandinavischen Ländern funktioniert die kommunale Problemlösung und Deutschland kann davon lernen. Zahlreiche Initiativen und Projekte in Deutschland sind bereits dabei, das Pflegesystem neu zu organisieren und die Werte der Krankenpflege über die Profitinteressen zu stellen. Die Politik kann sie unterstützen und damit den Pflegenotstand nachhaltig überwinden.

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