Informationen zu Corona

Das Virus, die Menschen und das Leben

Dr. Ellis Huber, Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen

Ellis Huber 200

pdfDas Virus, die Menschen und das Leben / 04.09.2020

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Dorothée Remmler Bellen, Vorstand und Studienleiterin

Dorothee Remmler Bellen 200

Die Coronakrise bietet, wie jede Krise, auch eine Chance und macht in diesen Tagen deutlich, dass das soziale Bindegewebe in unserer Gesellschaft an vielen Stellen gerade wieder gefestigt und teilweise neu gewebt wird.

Da haben sich in den letzten Tagen ganz schnell Ehrenamtliche zusammengeschlossen um Menschen in Isolation zu versorgen, sich um Kinder zu kümmern, deren Eltern arbeiten müssen, oder Einkäufe für ältere Mitbürger zu tätigen. Auch auf Nachbarschaftsebene sehen wir ein ähnliches Verhalten; Studenten bieten per Fahhrad Kurier- und Einkaufsdienste kostenfrei an.

Die Krise lässt uns auch dankbar werden und Wertschätzung zeigen gegenüber Allen, die in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen arbeiten. In Spanien haben Menschen sich landesweit zu einem bestimmten Zeitpunkt verabredet, um sich mit Applaus und Hupkonzerten bei all denen zu bedanken, die sich im Gesundheitswesen zur Zeit weit über das normale Maß hinaus einsetzen, um den am Coronavirus erkrankten Menschen zu helfen. In Deutschland haben wir das am 17. März um 21 Uhr ebenfalls gemacht.

Solche Nachrichten tun gut und machen Mut. Achtsamkeit und soziales Engagement gedeihen gerade auch in der Krise. Die Entschleunigung, die Reduzierung der Ablenkungen und Unterhaltungsmöglichkeiten bieten uns auch die Chance, uns wieder auf uns zu besinnen und auf das, was wirklich zählt. Oder zu schauen, wer braucht gerade jetzt meine Unterstützung.

Machen wir uns auch bewusst, dass wir selbst etwas dafür tun können unser Immunsystem zu stärken; nicht nur auf körperlicher Ebenes, sondern insbesondere auch auf psychischer Ebene. Angst und Stress, das wissen wir aus der Psychoneuroimmonulogie, schwächen das Immunsystem. Besonnenheit und Gelassenheit sind bessere Ratgeber in herausfordernden Situationen.

Gehen wir die nächste Zeit mit diesem Perspektivwechsel an; lassen Sie uns gemeinsam weniger in Panik verfallen, sondern mit aller gebotenen Vernunft diese besondere Herausforderung meistern und dabei solidarisch, achtsam und mit Nächstenliebe handeln.

Weitere Informationen (Beiträge nach Erscheinungsdatum - aktuellster Beitrag oben)

Thesenpapier 4.0: Die Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19 / Der Übergang zur chronischen Phase ( Dr. med. Matthias Schrappe u.a.) v. 30.08.2020

Stellungnahme von Gert von Kunhardt, Präventologe und Somatologe v.22.04.2020

Stellungnahme der Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften v. 13.4. 2020: Coronavirus-Pandemie - Die Krise nachahltig überwinden

Bewältigung der COVID-19 Pandemie:  Gesundheitsrisiken sind sozial ungleich verteilt! Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) v.5.4.2020

Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Hedwig Francois-Kettner u.a.: Datenbasis verbessern - Prävention gezielt weiterentwickeln - Bürgerrechte wahren

Bundesinnenministerium: Strategiepapier "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bringen" (Internes Papier, u.a. veröffentlicht auf www.fragdenstaat.de)

Dr. med Christian Schubert: Psychoneuroimmunologie und Infektanfälligkeit

Beitrag im Online-Magazin "Perspective Daily "Corona-Virus - warum du jetzt handeln musst" mit gut aufbereiteten Grafiken und Kommentaren / Übersetzung eines Beitrages von Toma Pueyo

Ergänzung zum Beitrag von Tomas Pueyo: Coronavirus - "Der Hammer und der Tanz"

Informationen zum Thema Bedeutung eines ausbillanzierten Immunsystems findet man im Podcast "Tonspur Wissen", einer Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft.

Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin zeigt auf, wie relativ unser Wissen gegenwärtig ist und wie wir alle lernen müssen, mit der Natur ins Reine zu kommen: "Covid-19 - Wo ist die Evidenz?"

Stellungnahme der Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften: „Coronavirus-Pandemie in Deutschland"

 

Das Virus, die Menschen und das Leben
Die Corona Krise, die Medizin, das Sterben und unser Gemeinwesen.
Ellis Huber, 04.09.2020   

Mehr als zwei Millionen Todesfälle durch Covid-19, über 80 Millionen gemessene Infektionen mit dem Sars-Cov-2 Virus und über 500 Millionen infizierte Menschen sind weltweit bis zum Jahresende 2020 durchaus wahrscheinlich. Die Corona Pandemie übertrifft mit ihrer Wirkung die meisten einzelnen Seuchen der letzten hundert Jahre. Nur die Spanische Grippe von 1918-20 war schlimmer und die Tuberkulose tötet gegenwärtig immer noch mehr Menschen. Insgesamt 160.000 Menschen sterben weltweit pro Tag und etwa 10 Millionen pro Jahr durch alle Infektionskrankheiten zusammen. Die Corona Pandemie verursacht, auch wenn es noch schlimmer kommt, weniger als 4% der Todesfälle und bei weitem nicht das meiste Sterben durch Infektionskrankheiten. Corona beschäftigt und beängstigt aber so sehr, dass die anderen Todesgefahren wie verdrängt erscheinen. Das Corona Virus wirkt kulturell und offenbart die vorhandenen Widersprüche in den globalen Lebenswelten. Die kulturelle Bedeutung der Pandemie zwingt die Menschheit, Staaten, Wirtschaft und Gesellschaft zu einer grundlegenden Neuorientierung, die Albert Einstein stimmig formuliert hat: „So sehe ich für den Menschen, will er die Zukunft seines Geschlechtes sichern, die einzige Chance darin, dass er zwei ganz einfache Einsichten endlich praktisch beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.“ Was bedeutet dies nun? Darüber reflektieren und informieren die folgenden Artikel, die jeweils für sich selbst stehen und sich insgesamt um einen ganzheitlichen Überblick zur aktuellen Situation, den voraussichtlichen Perspektiven und den notwendigen Lehren aus der Corona Krise bemühen:  

Vorwort und Zusammenfassung                                              2

Teil I
1. Die Lage, die Risiken und die Herausforderungen                                  4
1.1 Das Corona Virus, die tägliche Datenflut und die Angst der Menschen               6
1.2 Corona und das Sterben in der Welt                                          9
1.3 Das tägliche Sterben und das Gesundheitswesen in Deutschland                 10
1.4 Reinventing Politics: die Neuorientierung gesellschaftlicher Organisationsweisen   11

Teil II
2. Ausblick: Pandemien kommen und gehen                             15
2.1 Viren gehören zum Leben                                     15
2.2 Die weitere Entwicklung der Corona Pandemie                         16
2.3 Soziale Gesundheit und Lebenswelten                                 17
2.4 Gesellschaftliche Entwicklungen durch die Corona Krise                     18

Teil III
3. Die globalen Lehren der Corona Pandemie                              22
3.1 Die Prüfung unserer Menschlichkeit                                 23
3.2 Das Virus und die gesunde Gesellschaft                             25
3.3 Das Gesundheitswesen zwischen Ethik und Profit                             27
3.4 Gemeinwohlökonomie und Gesunde Marktwirtschaft                     29


Vorwort und Zusammenfassung

Über 870.000 Todesfälle werden jetzt weltweit mit der Corona Pandemie in Zusammenhang gebracht und bis zum Jahresende kann sich diese Zahl noch verdoppeln bis verdreifachen. Mehr Todesfälle durch Pandemien mit Viren seit 100 Jahren brachten nur die Spanische Grippe 1918-20 und seit 1980 AIDS und HIV mit sich. Die Asiatische Grippe 1957-58, die Honkong Grippe 1968-70 und die Influenza Pandemie 2017/18 waren vergleichbar schrecklich. Am schlimmsten aber wütet weltweit immer noch die Tuberkulose. Daran sterben jährlich 1,5 Millionen Menschen. Im laufenden Jahr sind auch, nach den Daten der „worldometer“ Statistiken, bereits 8,8 Millionen Menschen an anderen Infektionskrankheiten gestorben, gegen die es durchaus wirksame Medikamente und Impfungen gibt (https://www.worldometers.info). Für Europa waren bisher die Schrecken der Infektionskrankheiten in fernen und armen Ländern angesiedelt, also weit weg. Corona ist jetzt so beängstigend, da es sich in den entwickelten Staaten ausbreitet. Sars-CoV-2 ist aber kein „Killervirus“ und es gibt viel bedeutsamere und gut vermeidbare Todesursachen.    

Die Lockdowns, Shutdowns und weitere Maßnahmen gegen die Covid-19 Krankheiten haben die tödlichen Folgen der Corona Pandemie zweifelsohne minimiert. Ob die staatlichen Interventionen und gesellschaftlichen Verhaltensweisen aber eine Über-, Fehl- oder Mangel- Reaktion auf die Gefahren sind und waren, ist nicht so klar. Die wissenschaftlichen Analysen sind noch widersprüchlich und brauchen ihre Zeit. Es lässt sich gut verstehen, dass Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit die politischen Prozesse stärker steuerten als rationales Wissen und wissenschaftliche Erkenntnis. Virologen verstehen wie Viren funktionieren, sie sehen aber nicht das ganze komplexe Leben. Nachweislich über 26 Millionen gemessene Infektionsfälle meldet jetzt am 4.9.2020 die Johns Hopkins University (JHU), die als weltweite Referenz akzeptiert wird (https://coronavirus.jhu.edu/map.html). Die realistische Zahl infizierter Menschen dürfte weit über 250 Millionen liegen. Corona ist also weltweit und auch in Deutschland eine ernsthafte Bedrohung für das Leben und die Gesundheit. Das Sars-CoV-2 Virus ist da und bleibt. Wir müssen mit ihm auf lange Zeit leben und soziokulturelle, medizinische und technologische Fertigkeiten zur Bewältigung von Pandemien herausbilden.

Corona Viren und alle anderen Krankheitserreger oder Todesursachen sind nicht einfach zu beseitigen. Eine Koexistenz mit den Chancen und Gefahren der Natur und den vielfältigen Lebenswelten unserer Erde beschreibt die alte wie die neue Realität. Welche Lehren sind zu ziehen und welche Haltungen, welche Verhältnisse und welche Maßnahmen helfen, die Angst vor dem Virus zu vermindern und ein Leben mit den Gefahren zu meistern? Das Virus ist spürbar politisch: es entlarvt individuelle Selbstgerechtigkeit und Hilflosigkeit ebenso wie soziale Verwahrlosung und egoistisches Gebaren. Die Mächtigen und Reichen werden ebenso hinterfragt, wie die Ohnmächtigen und Armen besonders betroffen sind. Unserer Welt steht politisch, wirtschaftlich und moralisch vor einer grundlegenden Neuorientierung. Denn die Corona Pandemie stellt unsere Lebensweise auf den Prüfstand. Die Menschen spüren und wissen auch, dass die Zerstörung der Natur und der Lebensräume aufhören muss.           

„Global Citizen“ nennt sich eine globale Bürgerinnen- und Bürgerinitiative, die für eine Welt eintritt, in der niemand mehr hungrig ins Bett gehen muss. Eine Welt, in der kein Kind an vermeidbaren Krankheiten sterben muss. Eine Welt, in der jedes Mädchen und jeder Junge zur Schule gehen kann. „Global Citizen“ kämpft gegen die Armut, für Gleichberechtigung und sichere Lebensmittel. Die Akteure setzen sich weltweit für Bildung, Umweltschutz, Gesundheit, sauberes Wasser und sozialhygienische Versorgungsstrukturen ein (https://www.globalcitizen.org/), die das Leben schützen und vermeidbares Sterben verhindern können. Die Verwirklichung aller 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sind das umfassende Anliegen der weltweiten Vereinigung.

Die „Fridays for Future“ Bewegung bewegt die Jugend weltweit ebenso und wirkt in den entwickelten Gesellschaften ganz besonders. Vier junge Frauen, Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Anuna de Wever und Adélaíde Charlier schrieben im Juli 2020 einen Brief an die Regierungschefs der EU und forderten ein neues Wirtschaftssystem. 125.000 Menschen, darunter viele Prominente, unterzeichneten das Schreiben. Das gibt auch Hoffnung in den Corona Zeiten und Zuversicht in den Irren und Wirren der Verhältnisse, die durch das Sars-CoV-2 Virus und die Covid-19 Krankheit in Bewegung gekommen sind. Jetzt geht es um eine nüchterne, ehrliche und realistische Bestandsaufnahme und um die Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft so, dass das Überleben aller Menschen auf dieser Erde gesichert und, was genau so wichtig ist, die Sterblichkeit als einen Teil des Lebens verstanden wird.

Das Corona Virus wirkt als "Weckruf an die Menschheit“ und fordert eine Wirtschaft und Politik ein, die mit Menschen und der Natur achtsam umgeht und Ehrfurcht vor dem Leben zeigt. Corona ist „eine Prüfung unserer Menschlichkeit“. So sagt es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Europa könnte Zeichen setzen und die Herausforderung anpacken. Die Gesundheitswirtschaft muss die Wunden heilen, die ein entfesselter Turbokapitalismus schlägt und die Gesundheitswesen sind der Schlüssel für eine wirklich bessere Welt.

Die Corona Krise stellt angesichts der Klima Krise, der gesellschaftlichen Spaltungsprozesse, der Armutskrankheiten oder der Flüchtlingsprobleme eine überschaubare Herausforderung dar. Corona kann auch helfen, die Prioritäten neu zu setzen und einen globalen Entwicklungsprozess zu beschleunigen. Die Pandemie ist schlimm, aber nicht die schlimmste Bedrohung für Gesundheit und Leben. Das allgemeine Sterben in Deutschland, in Europa und in der Welt wird durch Corona wenig verändert. Die reale Angst der Menschen ist dadurch also nicht erklärt, aber sichtbar und sinnlich erfahrbar geworden. Die Einordnung der Corona Zahlen in das allgemeine und sonst ganz alltägliche Sterben hilft zu einer realistischen Wahrnehmung der Gefahren. Jetzt, wo die Infektionszahlen wieder steigen und die Ängste erneut zunehmen, hilft das gegen Panik und Mutlosigkeit gleichermaßen.     

Die wirklichen Lebensrisiken und „Reinventing Politics“, eine grundlegende Neuorientierung des gesellschaftlichen Gefüges und ein neues Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beschreibt der erste Teil. Teil zwei beschreibt, wie Viren zum Leben gehören, Pandemien kommen und gehen und im Wechselverhältnis von Krankheitserregern und Lebenswelten Gesundheit oder Krankheit entstehen: Das Virus ist nichts, die Lebenswelt ist alles. Corona lehrt uns eine neue Kultur des Überlebens und des gelingenden Lebens. Es geht dabei auch um die Chancen der Digitalen Transformation und um eine lebendige Demokratie mit Freiheit und bürgerschaftlicher Autonomie: Selbstorganisation, dienende Führung, Sinn und Werte als Handlungsmaxime sind der Weg. Die damit verbundenen Schlussfolgerungen aus der Corona Pandemie zieht dann Teil Drei. Wie können wir die „Prüfung unserer Menschlichkeit“ bestehen und welche Perspektiven eröffnen sich für das Gesundheitswesen? Zwischen Ethik und Profit muss die Gesundheitswirtschaft ihren eigenen Weg finden. Die Perspektiven einer Gemeinwohlökonomie und einer Gesunden Marktwirtschaft formulieren dazu eine „realistische Utopie“ oder eine machbare Mission: die Corona Krise als Chance für Verhältnisse, die das individuelle und gesellschaftliche Gesundheitspotential optimal entfalten und eine Medizin, die der Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Gesellschaft wirklich dient.    
 
Teil I

1. Die Lage, die Risiken und die Herausforderungen

In Deutschland bilden Bund und Länder ein kooperatives Netzwerk. Die föderale Struktur unseres Gemeinwesens zeigt mit Blick auf Frankreich oder andere, zentralistisch formierte Staaten, offensichtlich bei der Bewältigung der Corona Pandemie bessere Erfolge. Der Koordinationsrahmen von Bund und Ländern umfasst gegenwärtig: Keine kostenfreien Massentestungen, weil Testressourcen begrenzt sind. Erwartet wird ein Reiseverzicht und Reiserückkehrer aus Risikogebieten dürfen ihre 14-tägige Quarantäne frühestens durch einen Test ab dem fünften Tag nach Rückkehr beenden. Verstöße gegen die Maskenpflichten kosten ein Bußgeld von mindestens 50 Euro. Großveranstaltungen werden bis zum Jahresende ausgesetzt. Das „physical distancing“ mit 1,5 Meter Mindestabstand bleibt weiter bestehen. Unterschiedliche Maskenpflichten für Schüler und Lehrer, aber vergleichbare Hygienevorschriften gibt es im Schulbetrieb. Begrenzte Teilnehmerzahlen für Privatfeiern, die von Bundesland zu Bundesland verschieden sind, sind festgelegt. Bayern bietet kostenlose Tests an Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen weiter an und Sachsen-Anhalt will keine Bußgelder erheben. Manche autoritätsgläubige Medienvertreter klagen das an rufen nach der Ordnungsmacht. Für die Einigkeit wie Stimmigkeit im Verhältnis von Staat und Bevölkerung sind dezentrale Lösungskonzepte eindrücklich wirksamer und überzeugender.   

Europa hat die Pandemie bisher besonders hart getroffen. Hier werden bald vier Millionen Infektionen und über 220.000 Todesfälle registriert. Europa hat aber auch gelernt und verhält sich heute deutlich aufgeklärter und gelassener. Die täglichen Infektionsraten in Italien und in Deutschland sind jetzt etwa gleich hoch. Die lombardische Stadt Bergamo meldete im März bis zu 251 Todesopfer pro Tag. inzwischen gibt es dort Tage ohne Corona Todesfälle. Die Schwerpunkte der Seuche liegen jetzt in Amerika, Asien, Afrika und Russland. In den USA sind 187.000 Menschen mit Covid-19 gestorben. Am stärksten von der Pandemie betroffen sind nach den USA, Brasilien mit mehr als 125.000, Mexiko und Indien mit über 67.000, Großbritannien mit etwa 42.000 und Italien mit 36.000 gemeldeten Todesfällen. Dann folgen  
Frankreich, Spanien und Peru mit ca. 30.000, der Iran, Kolumbien und Russland mit etwa 20.000 und Südafrika mit 15.000 Todesfällen.

Deutschland meldet über 250.000 Infektionen und 9.325 Todesfälle durch das Sars-CoV-2 Virus. Global steigen die Infektionsraten täglich um etwa 300.000 Fälle weiter an. Die Länder in Europa fürchten jetzt mit dem kommenden Herbst eine zweite Welle der Pandemie. In Frankreich ebenso wie in Spanien verschärft sich die Situation und die täglichen Infektionszahlen sind höher als im März. Das kann eine dramatische Entwicklung nehmen. Die Zahl der täglichen Todesfälle hatte weltweit am 24. Juli mit 10.022 eine Spitze erreicht. Jetzt sterben weltweit täglich um die 5.000 bis 6.000 Menschen an den Corona Folgen. Der innergesellschaftliche Frieden ist überall und ganz besonders in den westlichen Staaten bedroht. Das Corona Virus legt die Probleme der Welt, der Gesellschaften und der Wirtschaftskulturen offen. Weniger das Virus, mehr die innere Verfasstheit von Gesellschaften prägen den Verlauf von Krankheit und Sterben mit dem Corona Virus.

"The Rock", der Schauspieler Dwayne Johnson, sagte für die „Global Citizen“ Community: „Dieser kritische Moment in der Geschichte verlangt von uns allen, zusammenzuhalten und eine bessere Zukunft für alle zu schaffen". Corona lehre uns, die globale Gemeinschaft zu stärken, einen gerechten Zugang zu Gesundheitsversorgung für Alle durchzusetzen und gegen die enormen Ungerechtigkeiten in unserer Welt zu kämpfen. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sieht eine „Einheit von Bürgern, Regierungen, Philanthropen, Gesundheitsorganisationen und Wirtschaftsführern“. Europa werde sich auf lange Sicht für eine faire und gerechte Welt einsetzen. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire spricht im Spiegel-Interview den Kapitalismus schuldig. Er schaffe „exzessive Ungleichheit und plündere den Planeten aus.“  

Immerhin: Bundekanzlerin Angela Merkel verdeutlicht demonstrativ, dass die Klima Krise nicht vorbei ist und empfängt vier Repräsentantinnen der weltweiten Jugendbewegung „Fridays for Future“ im Kanzleramt. Die Jugend fordert von der Politik "unbequeme Taten" und "ungewöhnliche Wege". Die existentielle Krise könne durch Investitionen und Geld allein nicht überwunden werden. „Wir brauchen ein neues System“ sagen Greta Thunberg und ihre Kolleginnen. Beide Seiten waren sich einig, heißt es in der Presseerklärung der deutschen Regierungschefin nach dem Treffen: Die Erderwärmung sei „eine globale Herausforderung, bei deren Bewältigung den Industriestaaten eine besondere Verantwortung zukommt“. In ihrer Jahrespressekonferenz verspricht die Bundeskanzlerin ebenso, die Klimakrise verstärkt anzugehen.

Drei Ziele nennt sie zur Korona Lage: Es müsse alles dafür getan werden, „dass unsere Kinder nicht Verlierer der Pandemie sind. - Ihre Bildung, ob in Kita oder Schule, muss mit das Allerwichtigste sein. Ich meine alle Kinder, egal aus welchem familiären Umfeld. Die Schule darf niemanden zurücklassen.“ Das Wirtschaftsleben sei wieder zum Laufen zu bringen. Klimafreundliche Technologien, die Digitalisierung, die Energiewende und die Nutzung von Wasserstoff stünden im Vordergrund. Priorität habe der gesellschaftliche Zusammenhalt: „Die Pandemie belastet Menschen sehr ungleich. Sie macht ganze Gruppen der Bevölkerung besonders verwundbar. Ich denke an ältere Menschen, an Pflegebedürftige und ihre Angehörigen, an Familien mit Kindern in beengten Wohnverhältnissen, an Studierende, deren Nebenjob wegfällt, an Arbeitssuchende, die es jetzt wieder mehr gibt und die es schwerer haben, an Kleinunternehmer, die um ihre berufliche Existenz bangen, und an Künstler und Künstlerinnen.“

Es bleibt noch offen, ob den hehren Worten und formulierten Einsichten der mächtigen, berühmten und reichen Persönlichkeiten nun wirkliche Taten folgen und globale Bürgerinitiativen wie „Fridays for Future“ oder „Global Citizen“ mit ihren Zielen die Handlungsweisen von Politik und Wirtschaft verändern können. Die Zeichen sind gesetzt und die Herausforderungen benannt. Die Corona Krise macht auch bewusst, wie wichtig soziale und pädagogische Berufe, Krankenschwestern und Krankenpfleger oder Erzieherinnen und Erzieher für das gesellschaftliche Leben sind. Gesundheit ist in Europa offensichtlich wichtiger als monetäre Profitinteressen und die Wachstumsdynamik einer geldgesteuerten Wirtschaft. Der Wert des einzelnen Menschen wird politisch neu gewichtet. Jedes Leben, ob jung oder alt, gesund oder krank, soll geschützt werden und die Wirtschaft steht dann an zweiter Stelle. Das entspricht einer mutigen Reanimation der humanistischen Ideale Europas und ein reales Umdenken könnte möglich werden.

In all den Wirren und Irren der Corona Krise sind die Wissenschaft und Wissenschaftler Ruhepunkt und Wegweiser zugleich. Hier entstehen neue Einflusskräfte für die gesellschaftliche Entwicklung, die auch neue Qualitäten aufzeigen: Offenheit, Kooperationsgeist, Diskursfreude, soziale Verantwortlichkeit und unkonventioneller Mut. Beispielhaft für viele stehen dafür die Virologinen Ilaria Capua aus Italien, die mit der Geheimniskrämerei der WHO Datenbanken aufräumte und Karin Mölling aus der Schweiz, die Selbstkritik und Redlichkeit als eine wissenschaftliche Grundhaltung dokumentiert. Die heute weltweit kooperierende und sich austauschende Wissenschaftlercommunity mit ihrer produktiven Forschung erarbeitete schneller als je zuvor ein besseres Verständnis des Infektionsgeschehens mit Sars-CoV-2 und den Covid-19 Krankheiten. Unabhängigkeit von politischen wie wirtschaftlichen Interessen beweisen Wissenschaftler von China bis Amerika in beeindruckender Weise. Sie dienen der Gesundheit der Menschen und haben keine Scheu, gegen politische oder wirtschaftliche Interessen aufzutreten. Wissenschaft in sozialer Verantwortung ist durch die Corona Krise stärker geworden. Von den Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck über die Soziologen Hartmut Rosa und Dieter Rucht bis zur Klimaforscherin Kira Vinke oder der Virologin Françoise Barré-Sinoussi hören wir nachdenkliche, selbstkritische und verantwortungsvolle Aussagen, die Orientierung und Realitätsnähe vermitteln.     

Das Leben mit dem Corona Virus bringt für alle Bürgerinnen und Bürger vielfältige Lern- und Lehrprozesse mit sich. Wo Machtpolitik regiert und eitle Männer sich produzieren, scheint das Virus stärker, wo Frauen die Regierung führen und ihre Werte durchsetzen, wirkt Corona schwächer. Es gibt keine gleichförmige Ausbreitung der Erkrankungen. In Deutschland, wie überall, müssen lokale Ausbrüche und gruppenzentrierte Gefahrenquellen der Covid-19 Krankheit bewältigt werden. Überraschende, auch bedrohliche Ereignisse und zahlreichen Infektionen durch lokale Hotspots können überall auftreten. Großveranstaltungen, laute Treffen mit Schrei und Gesang oder enge Räume mit nahen Kontakten, Familienfeiern oder Urlaubspartys verbreiten das Virus. Geschlossene Räume sind riskant, öffentliche Großdemonstrationen und Gruppen im Freien sind bei windigem Wetter weniger gefährlich. Die Zunahme der gemessenen Infektionen betrifft mehr und mehr jüngere Menschen und mit dem Herbst und dem Aufenthalt in geschlossenen Räumen werden die Zahlen der infizierten Menschen deutlich steigen. Die Zahl schwerer Verläufe und der Todesfälle geht aber zurück, so dass 2.000 bis 4.000 gemessene Infektionsfälle pro Tag bewältigt werden können. Zur Dramatisierung besteht kein Grund, wohl aber zu einem kreativen und pragmatischen Alltagsverhalten in den jeweiligen Lebenswelten.   

Vor allem verwahrloste Verhältnisse oder prekäre Lebenswelten sind problematisch. Soziale Determinanten, Umweltverhältnisse oder Armut schwächen nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse individuelle und kollektive Immunsysteme gleichermaßen. Zu den sozialen Determinanten zählen auch fehlende Bildung, selbstgerechte Rücksichtslosigkeit von Jugendlichen oder verborten Erwachsenen, Geld- und Machtgier in der Wirtschaft, soziale Ignoranz in der Politik oder die ungleiche Verteilung von Vermögen wie Lebenschancen. Die Beziehung zwischen Individuum und sozialen Bindungen wird zu einem zentralen Thema: gesellschaftliche Kohärenz, soziale Resilienz und das Vertrauen in die staatlichen Organe und die gesellschaftlichen Verhältnisse. Nicht das Virus verursacht die Krise, es enthüllt nur eine Krise, die alle Menschen betrifft und eine Neuformierung des gesellschaftlichen Gewebes und des globalen Zusammenlebens herausfordert. Covid-19 ist ein Symptom der Zerstörung unserer natürlichen Lebensräume und einer globalen Entsolidarisierung unter den Menschen.

1.1 Das Corona Virus, die tägliche Datenflut und die Angst der Menschen

Corona füllt die Medien, prägt die Diskussionen unter den Leuten und dominiert die politischen Prozesse. Das Sars-CoV-2 Virus beschäftigt weltweit 188 von 194 Ländern. Viele Menschen sind verängstigt und verunsichert. Selektiv sortierte Fakten und tausend Halbwahrheiten ziehen durch die sozialen Medien. Daten überfluten die Menschen. Die täglichen Todeszahlen, Infektionsraten und Gefahrenmeldungen verbreiten eine Bedrohlichkeit, die mit der Realität von Leben und Sterben nicht übereinstimmt. Im Angstmodus folgt die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger aber folgsam den staatlichen Vorgaben und wissenschaftlichen Empfehlungen. Schon immer haben sich Menschen komplexe Ereignisse auch durch einfache Wahrheiten erklärt. Unerklärliche Notlagen machen starke Führer und Verschwörungstheorien gleichermaßen verführerisch. Als die Pest wütete, war das so und als die Spanische Grippe oder die Weltwirtschaftskrise Tod und Elend produzierten. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Aids, Ebola oder jetzt Corona machen den Menschen Angst. Die aufgeklärten Gesellschaften handeln im Umgang mit der Corona Pandemie nicht rational. Die Medien schüren fortlaufend die allgemeine Panik und fordern Politiker, die durchgreifen, Ordnung schaffen und die Corona Krise im Griff haben.

Wissenschaft und Forschung bewirken aber keine Wunder. Wir alle haben die Welt nicht im Griff. Sie ist komplex und verletzlich. Noch so viele Daten liefern die Sicherheit nicht, nach der sich viele sehnen. Die öffentliche Kommunikation zur Corona Pandemie produziert eine gesellschaftliche Dynamik, die zwischen realer Gefahr und irrationalen Gefühlen hin und her wankt. Ängste steigen auf, das Vertrauen in die gesellschaftlichen Verhältnisse nimmt ab. Diese Soziodynamik beschreibt die wirkliche Herausforderung für die Gesundheit der Menschen und der Gemeinwesen. Die Aufgaben lauten: mit Unsicherheit leben lernen, Gegensätze integrieren, Vielfalt tolerieren und das Leben mit Ehrfurcht respektieren.

Die italienische Virologin Ilaria Capua bringt es auf den Punkt: „SARS-CoV-2 ist an sich kein Killervirus. Aber es ist ein Stresstest für unser ganzes System. Für das Gesundheitswesen. Die Wirtschaft. Sogar für Familien. […] Es hat vor allem große, reiche Städte erwischt. Mailand. Madrid. New York. Warum? Nicht nur, weil dort viele Menschen auf engem Raum leben und es etwa einen guten, stark frequentierten Nahverkehr gibt. Sondern auch, weil sich das Gesundheitssystem dort in den vergangenen Jahrzehnten so entwickelt hat, dass es kollabieren musste. In der Lombardei hatte sich die Regionalregierung entschieden, in Hightech-Medizin zu investieren, sich auf solvente Patienten zu spezialisieren. Das hilft dir wenig, wenn eine Pandemie kommt. Du brauchst dann auch einfache Krankenhäuser im Umland und Ärzte, die zu den Leuten kommen, damit nicht alle in die Kliniken strömen. […] Dieses Virus ist gefährlich, weil es sehr leicht zu übertragen ist. Nicht, weil es besonders pathogen, also krankheitserregend wäre. Es ist für mich vor allem eine Krankheit unserer Lebensweise. Deswegen müssen wir auch über unser Wirtschaftssystem reden“ (In: Covid-19 ist vor allem ein Problem unserer Lebensweise, SZ-Magazin, Heft 23/2020 vom 4. Juni).

Viele Medienkanäle verbreiten täglich die Zahlen der Infizierten, der Erkrankten, der Verstorbenen und der wieder genesenen Personen. Den allseits benutzten Überblick liefert beinahe in Echtzeit die John Hopkins University auf ihrer Homepage: https://coronavirus.jhu.edu/map.html. In Deutschland benutzen alle großen Zeitungen und Fernsehsender diese Quelle. Einen spannenden Überblick zur Problemlandschaft vermittelt auch das „Worldometer“, die Homepage eines internationalen Netzwerkes von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit dem Ziel, die Daten der Welt allgemein verfügbar zu machen: https://www.worldometers.info/coronavirus/. Keine andere schlimme Krankheit wird vergleichbar aufbereitet und in täglichen Meldungen als Bedrohungssignal aufsummiert wie Covid-19. Diese Risikokommunikation dramatisiert das Geschehen und dadurch entsteht der Eindruck, dass Tod und Sterben beinahe ausschließlich durch das Corona Virus geprägt werden. Eine Einordnung in das normale Sterbegeschehen auf der Welt und in den einzelnen Ländern wird nicht vermittelt und das verunsichert die Menschen nach beiden Seiten. Die Ängstlichen und die Verdränger verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit.  

Die bisher vorherrschende Kommunikationspolitik zur Corona Pandemie ist wenig sinnvoll und ein Grund für Angst und Panik ebenso wie für aggressive und hysterische Reaktionsweisen. Die Menschen fürchten um ihr Leben und die Bilder von überfüllten Krankenhäusern, militärischen Leichentransporten oder Massengräbern bestätigen sie in ihrer Todesangst. Der Kampf gegen das Corona Virus wird mit „Leben retten“ und „Überleben wollen“ gleichgesetzt. Die gesellschaftliche Dynamik fokussiert auf das Virus, andere Todesgefahren und Gesundheitsprobleme geraten aus dem Blick. Kritische Stimmen und skeptische Wissenschaftler finden kein Gehör mehr. Diese fühlen sich missachtet, ausgegrenzt und entwickeln eine Art „Michael Kohlhas Syndrom“ mit dogmatischen Parolen und Demonstrationen für „Freiheit gegen Unterdrückung“ oder „Demokratie gegen Machtmissbrauch“. Eine offene Diskussion wird in dieser Aufspaltung von beiden Seiten unmöglich. Eine politische Polarisierung spaltet die Menschen in Gut und Böse, richtig und falsch oder verantwortlich und verantwortungslos. Das alltägliche Leben spielt aber ebenso im Kontinuum zwischen den Polaritäten des normalen Lebens wie Krankheit und Gesundheit nach den Erkenntnissen der Salutogenese die Endpunkte in einem Kontinuum darstellen. Das Leben ist bunt und vielfältig, auch mal grau, und nicht nur schwarz oder nur weiß.

Die Hoffnungen auf schnelle Impfungen oder wundersame Arzneimittel sollen nun die Angst bannen, Verschwörungstheorien versuchen die drängenden Gefühle von Wut und Ohnmacht zu erklären, Politiker werden mal als Retter, mal als Schuldige auf die Bühne geschoben, bejubelt oder angeklagt, bespuckt oder angehimmelt. Der ständige Wust von Zahlen verwirrt alle. Informationen, die Halt und Vertrauen vermitteln könnten, kommen viel zu kurz. Einige Menschen sind eher enttäuscht als glücklich, dass die angekündigte Katastrophe nicht gekommen ist. Mit dem Terminus einer zweiten Welle wird erneut ein Bedrohungsszenario aufgebaut, das die Überlebensangst ebenso reaktiviert wie die Verschwörungstheorien. Das wellenförmige Auf und Ab bei Pandemien ist aber völlig normal und entscheidend wird sein, ob die auftretenden Infektionen schnell erfasst, in selbstorganisierter Gemeinschaftlichkeit angegangen und die Infektionsketten durchbrochen werden. Das geht nur mit den Menschen, nicht für sie oder durch Machtmittel, Drohgebärden und Bußgelder von oben erzwungen. Die politische Führung muss die Menschen mitnehmen, ihnen Verantwortlichkeit zutrauen, wirkliches Wissen vermitteln und die Teilhabe an der Problembewältigung organisieren. Es ist die erste Pflicht der öffentlichen Repräsentanten, Angst unter den Menschen abzubauen, das soziale Vertrauen zu pflegen und die Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Das ist die wirkliche Herausforderung in Deutschland.   

Das Corona Virus Sars-CoV-2 ist nicht neu, sondern nur eine neue, besonders gefährdende Variante bereits bekannter Gefahren, die von Viren und anderen Krankheitserregern ausgehen. Das Sars-CoV-2 Virus und die Covid-19 Krankheit verursachen ein typisches Infektionsgeschehen mit außerordentlich schweren gesundheitlichen Folgen, aber keine einzigartige und bisher nicht vorhandene Todesgefahr. Der Umgang mit Seuchen und Pandemien gehört zum historisch erworbenen Erfahrungsgut der Medizin und der politischen Gemeinwesen. Mediziner und Epidemiologen wissen, dass im regelmäßigen Turnus neue Pandemien kommen. Der Virologe Hendrick Streek plädiert dafür, die Situation nicht zu dramatisieren: „Aus der Gefahr ist ein Risiko geworden, das sich einschätzen lässt. Wir müssen lernen, mit diesem Risiko intelligent umzugehen.“ Angst, so die zentrale Botschaft seiner Rede Ende August im Dom zu Münster, sei dabei der falsche Ratgeber. Für den Herbst prognostizierte er einen Anstieg der Infizierten. Covid-19 werde nicht unser Untergang sein und eine 93-jährige Frau, „die den Krieg überlebt hat, soll selbst darüber befinden, ob sie ihre Enkelkinder sehen will oder nicht". Im Vergleich zum Frühjahr wisse man heute viel mehr über die Corona Krankheiten: "Wir dürfen uns nicht von der Angst leiten lassen, die den Mut untergräbt."

Der Virologe Christian Drosten rät zu einer Verkürzung der Quarantänezeit für Menschen mit Verdacht auf eine Corona Infektion von 14 auf 5 Tage. Es gehe um die Akzeptanz der relativen Lebensrisiken und nach fünf Tagen sei eigentlich die Infektiosität oder Ansteckungsgefahr vorbei. "Es nützt ja nichts, wenn man alle möglichen Schulklassen, alle möglichen Arbeitsstätten unter wochenlanger Quarantäne hat.“ Es gäbe nicht die einzig richtige und perfekte Antwort und ein ständiges Lernen mit und in der Situation sei angesagt.
 
1.2 Corona und das Sterben in der Welt

Weltweit sterben jährlich 56 bis 59 Millionen Menschen. Bis zum 31. August 2020 verzeichnet die „Worldometer“ Statistik schon 40 Millionen Tote. Der Anteil von fast 900.000 Corona Todesfällen verursacht also weniger als zwei Prozent des gesamten Sterbens in der Welt. Die Gesamtzahl der weltweit verzeichneten Corona Toten hat bis jetzt etwa die Zahl der weltweit „normalen“ Todesfälle von fünf Tagen erreicht. Es ist zweifelsohne mit einer weiteren Steigerung von Corona Todesfällen zu rechnen. Viermal mehr Corona Tote oder zwei bis vier Millionen in diesem Jahr, wären dabei noch kein außerordentlich beunruhigender Faktor. Der Anteil an der globalen Sterblichkeit betrüge dann knapp sieben Prozent. Bis heute sind in diesem Jahr schon 5,6 Millionen Menschen an Krebs, 730.000 durch Selbstmord oder 8,8 Millionen an ansteckenden Krankheiten wie Aids, Malaria oder Tuberkulose gestorben. 1,2 Millionen Tote hat bisher das HIV-Virus mit sich gebracht (https://www.worldometers.info/).    

Europa mit seinen 513 Millionen Einwohnern zählt jährlich 5,5 Millionen Todesfälle. Jeden Tag sterben ohne größeres öffentliches Aufsehen etwa 1.700 Menschen an Herzkrankheiten, 750 an Lungenkrebs, 520 an Demenz, 480 an Krankheiten der unteren Atemwege und 360 an einer Lungenentzündung. 130.000 Menschen sterben jedes Jahr an einer Pneumonie. Bis heute hat die Covid-19 Krankheit etwa 216.000 Todesfälle verursacht. Das sind durchschnittlich 890 an einem Tag: (https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/).

An Lungenkrebs und weiteren Krankheiten des Atemsystems sterben in Europa jährlich etwa 600.000 Menschen oder täglich 1.644. Covid-19 ist also noch nicht die vorherrschende Todesursache für das Sterben an Krankheiten des Atemsystems. Der Anteil der Corona Todesfälle am Sterben in Europa liegt gegenwärtig bei 3,8 Prozent. Eine Verdoppelung der Sterbefälle würde im „normalen“ Sterben sichtbar werden, aber keine wirkliche Katastrophe bedeuten. Wir müssen sicherlich noch einige Monate mit europaweit steigenden Zahlen rechnen und es ist bereits deutlich, dass die Corona Pandemie in Europa an die schwersten Grippe Pandemien der letzten 50 Jahre heranreichen wird. In Europa verursachte dann das Corona Virus 7-8 Prozent der jährlichen Todesfälle.

In Italien, wo jährlich etwa 630.000 Menschen sterben, hat Covid-19 bisher 36.000 Todesfälle verursacht. Das sind nur 5,7 Prozent der jährlichen Todesfälle. In Spanien sterben jährlich 420.000 Menschen. Der Anteil von 30.000 Covid-19 Todesfällen sind 7,0 Prozent. Frankreich verzeichnet jährlich 610.000 Todesfälle. Corona verursacht mit 31.000 Todesfällen etwa 5,0 Prozent des jährlichen Sterbens. Großbritannien meldet um die 616.000 jährliche Todesfälle. Das Corona Sterben mit 42.000 Toten liegt anteilig bei 6,8 Prozent. In den USA sterben pro Jahr etwa 2.720.000 Personen. Die Todesfälle mit Corona liegen bei 187.000, als bei 6,9 Prozent (alle Daten gerundet vom 4.9.2020). Es ist bedenkenswert: Der jeweils erste nationale Corona-Fall trat in den USA und in Südkorea am 19. Januar 2020, also am gleichen Tag auf. Südkorea verzeichnet seitdem nur 331 Todesfälle.

Der Europäische Sterblichkeitsbericht des EuroMOMO Projektes (https://www.euromomo.eu/), an dem sich 24 Länder beteiligen, verzeichnete bis zum 3. Mai eine Übersterblichkeit in Belgien, Frankreich, Italien, Niederlande, Spanien, Schweden, Schweiz und bis zum 10. Mai noch in Großbritannien. Jetzt, in der 33. Kalenderwoche gibt es mit Ausnahme von Belgien und Spanien keine Übersterblichkeit mehr. Der bisher in den vorhergehenden Kalenderwochen verzeichnete Anstieg hat den Gipfel bereits im April in der 14. und 15. Kalenderwoche überschritten. Die Spitzenwerte lagen deutlich über den Anstiegen früherer Grippewellen. In den anderen Ländern, auch in Deutschland, ist insgesamt keine erhöhte Sterblichkeit zu erkennen. Die jährlichen Grippewellen verursachen in Europa etwa 15.000-20.000 zusätzliche Todesfälle in der Spitze. In der 14. Woche 2020 sind ca. 30.000 zusätzliche Todesfälle zu verzeichnen. Corona wäre bei diesem Maßstab für Europa also etwa doppelt so tödlich wie die durchschnittlichen Grippewellen. Eine exzellente Aufbereitung der Sterblichkeitsdaten und der gemessenen Infektionen liefert fortlaufend die Süddeutsche Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/wissen/corona-zahlen-1.4844448.

Die einzigen, einigermaßen verlässlichen Zahlen zur Bedrohungslage mit Corona sind die Todesfälle pro 100.000 Einwohner und ein Vergleich mit den sonstigen Todesfällen durch andere Ursachen: In Italien kommen auf 1.030 Tote insgesamt 59 Corona Todesfälle, in Frankreich beträgt das Verhältnis 930 zu 46, in den USA 820 zu 57, in der Türkei 600 zu 8, in Schweden 910 zu 57, Spanien 910 zu 63, Großbritannien 930 zu 63 und in Belgien 970 zu 87. Der Anteil des Sterbens durch Corona liegt also in der Regel zwischen einem und neun Prozent der normalen Sterblichkeit. Die meisten Todesfälle auf 100.000 Einwohner verzeichnet mit 124 San Marino gefolgt von Peru mit 91 und Belgien mit 87. Schweden liegt noch vor den USA.

1.3 Das tägliche Sterben und das Gesundheitswesen in Deutschland

In Deutschland sterben jährlich 1.160 Menschen auf 100.000 Einwohner. Corona verursachte bisher 11 Todesfälle pro 100.000, also weniger als ein Prozent. Deutschland verzeichnet über 950.000 Todesfälle pro Jahr. Jeden Tag sterben etwa 2.600 Menschen, davon 930 Personen durch Herz-Kreislauferkrankungen, 650 durch Krebs und 190 an Krankheiten des Atmungssystems. Von Dezember bis März, also in den kalten Jahreszeiten sind es durchschnittlich etwas mehr Todesfälle, im Sommer weniger.

Seit Oktober 2019 bis heute sind in Deutschland schätzungsweise 4.500 Menschen frühzeitig gestorben, weil noch die Grippe dazu kam. In der Grippesaison 2017/18 waren es über 25.000 Todesfälle. Vor diesem Hintergrund liegen 9.300 Todesfälle insgesamt oder 11 auf 100.000 Einwohner durch das Corona Virus im Rahmen des allgemeinen Sterbegeschehens. Ausgelöst durch Bakterien und Viren erkranken täglich 1.500 bis 1.900 Menschen an einer Lungenentzündung. Die Diagnose lautet: Pneumonie. Etwa 800 betroffene Patienten kommen damit in ein Krankenhaus und für 80 Personen endet die Krankheit tödlich: An Lungenentzündung sterben also in Deutschland jährlich 30.000 Bürgerinnen und Bürger.

Auch ohne Corona Infektionen ist das Krankenhaus ein Ort, in dem Bakterien, Viren und andere Mikroben Patienten infizieren, krank machen oder schädigen können. Das Robert Koch-Institut schätzt nach einer Studie aus 2019, dass es jährlich bis zu 600.000 Krankenhausinfektionen gibt. Die Zahl der durch Krankenhauskeime verursachten Todesfälle liegt danach bei 10.000 bis 20.000 pro Jahr oder 30 bis 60 pro Tag. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hält eine Million im Krankenhaus gesetzte Infektionen und mindestens 30.000 Todesfälle pro Jahr für realistisch.

Das Corona Virus verbreitet sich inzwischen weniger nosokomial, also im Krankenhaus und Pflegeeinrichtungen. Vier Risikogruppen fallen in der Bevölkerung auf: hohes Alter, Multimorbidität, Ärzte und Pflegekräfte sowie lokale oder regionale Häufungen, sogenannte Hotspots, die überall auftreten können und mehr und mehr jüngere Menschen betreffen. Die Ausbreitung erfolgt inzwischen in der Fläche relativ gleichmäßig, so dass Präventionsmaßnahmen für die Risikogruppen auch flächendeckend stattfinden müssen. Die insgesamt in Deutschland mit Corona verstorbenen Personen sind zu 55% Männer und zu 45% Frauen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 81 Jahren. In Deutschland sind 86% der Todesfälle nach den Angaben des RKI 70 Jahre oder älter. Durch Covid-19 wird ein bereits drohender Tod vorverlegt. Es gibt bisher keine sicheren Erkenntnisse, dass Covid-19 bei gesunden Menschen tödlich ist. Es ist wahrscheinlich, dass viele Patienten mit dem Corona Virus, aber nicht durch diesen Krankheitserreger allein sterben.

Der erste Fall des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 wurde in Deutschland am 28. Januar 2020 in Bayern registriert. Fallzahlen in Deutschland sind auf dem RKI Dashboard https://corona.rki.de bis auf Landkreisebene laufend aktualisiert abrufbar. Ein Situationsbericht (www.rki.de/covid-19-situationsbericht) gibt ebenfalls täglich einen Überblick über das dynamische Infektionsgeschehen und stellt infektionsepidemiologische Auswertungen zur Verfügung. Sars-CoV-2 ist leicht von Mensch zu Mensch übertragbar und das Risiko hängt vom individuellen Verhalten, der regionalen Verbreitung und von den Lebensbedingungen ab. Bei der überwiegenden Zahl der Fälle verläuft die Erkrankung mild und die Wahrscheinlichkeit für schwere und auch tödliche Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu. Langzeitfolgen, auch nach leichten Verläufen, sind derzeit noch nicht abschätzbar. Der ersten beiden Corona Todesfälle in Deutschland wurden am 9. März gemeldet. Im April lag die tägliche Anzahl der Verstorbenen mit Corona zwischen 100 und 250. Jetzt werden unter 10 Todesfälle pro Tag registriert. Die steigenden Infektionszahlen gehen nicht mit einer steigenden Belastung des Gesundheitswesens einher.

Es fällt auf, dass sich vermehrt jüngere Menschen infizieren und eher weniger ältere. „Schwere Verläufe sind bei jüngeren Menschen wesentlich seltener als bei älteren. Nur rund 220 Patienten werden derzeit laut DIVI-Intensivregister in deutschen Kliniken intensivmedizinisch betreut – diese Zahl ist bislang trotz der steigenden Fallzahlen ziemlich stabil geblieben. Mitte April hatten noch mehr als 2000 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen gelegen“ (Lagebericht RKI vom 3.9.2020). Bundesweit gibt es eine große Anzahl kleinerer Ausbruchgeschehen in verschiedenen Landkreisen, die mit unterschiedlichen Situationen wie Familienfeiern oder Treffen im Freundeskreis in Zusammenhang stehen. Hinzu kommt, dass Covid-19-Fälle zu einem großen Anteil unter Reiserückkehrern, insbesondere in den jüngeren Altersgruppen auftreten. Erstaunlich und bemerkenswert sind auch die regionalen Verteilungsmuster der Infektionen. Die Analyse der Daten aus den einzelnen Landkreisen und kreisfreien Städten ergeben starke regionale Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Und in den letzten drei Wochen haben sich die Infektionsschwerpunkte von Nordrhein-Westfalen nach Bayern verschoben. Der bayrische Weg gegen die Corona Verbreitung scheint weniger erfolgreich als die Maßnahmen in NRW.    

1.4 Reinventing Politics: die Neuorientierung gesellschaftlicher Organisationsweisen

Der bundesweite Regelungsrahmen gegen das Corona Virus setzt auf dezentrale und subsidiäre Maßnahmen. Sie werden auf Länderebene und konkret auf der lokalen Ebene der Landkreise, der kreisfreien Städte und der Gesundheitsämter umgesetzt. Die dezentrale Selbstorganisation mit einer bundesweiten Koordination hat sich in den vergangenen Monaten durchgesetzt. Eine führende Rolle in der Bekämpfung der Pandemie übernimmt der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD). Regionale und flexible Umgangsweisen mit den Gefahren bearbeiten vor Ort die jeweils anfallenden Probleme. Das ist eine lebensnahe Strategie, die innovative Lösungen ermöglicht und die soziale Gemeinschaft als lebendigen Organismus respektiert: Reinventing Politics. Dezentrale Autonomie und weniger zentralistische Herrschaftsansprüche erweisen sich als eine gesündere gesellschaftliche Organisationskultur. Für Deutschland ist der Föderalismus offensichtlich vorteilhaft.

Wir erleben in der Corona Krise lernende Sozialgemeinden, populäre und verantwortungsbewusste Wissenschaftler und umfassend engagierte und interessierte Bürgerinnen und Bürger. Die politischen Führungseliten lernen auch und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier artikuliert eine Zeitenwende für neue gesellschaftliche Strukturen wie Kulturen: „Die Pandemie zeigt uns: Ja, wir sind verwundbar. Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht. Das war ein Irrtum. (...) Wir stehen jetzt an einer Wegscheide. Schon in der Krise zeigen sich die beiden Richtungen, die wir nehmen können. Entweder jeder für sich, Ellbogen raus, hamstern und die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen? Oder bleibt das neu erwachte Engagement für den anderen und für die Gesellschaft? Bleibt die geradezu explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft?“ Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bezeichnet die Corona Pandemie als "Weckruf an die Menschheit, mit Natur und Umwelt anders umzugehen. Der Immer-Weiter-Schneller-Mehr-Kapitalismus der letzten 30 Jahre muss aufhören.“

„Die Krise nachhaltig überwinden“ empfiehlt auch die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften. Dazu gehört eine öffentliche Kommunikation, die der „German Angst“ realistisches Wissen und vernünftige Orientierung entgegensetzt. Dem Gesundheitswesen kommt ohne Zweifel eine zentrale wirtschaftliche wie kulturelle Bedeutung zu. Die beteiligten Akteure sollten den Wert ihres Handelns erkennen und ihre soziale Bedeutung begreifen. Haushaltsnahe, lebenspraktische und personenbezogene Dienstleistungen bilden die größten Anteile einer florierenden Volkswirtschaft. Nicht die großen Konzerne, die kreativen Kleinunternehmer und die mittelständischen Betriebe stabilisieren ein gesundes wirtschaftliches Leben.    

Die Staatsgewalt darf den Bürgerinnen und Bürgern mehr vertrauen als viele Politiker glauben wollen. Verbote und Kontrollen können durch Gebote und akzeptierte Regeln ersetzt werden. Auch das ist Ausdruck der Gesundheit des Sozialen in Deutschland. Das Vertrauen der Menschen in ihr Gesundheitswesen ist gewachsen und die Bedeutung von Medizin und Pflege sind Allen bewusster geworden. Reinventing Politics beschreibt ein innovatives Führungsverständnis, das soziale Netzwerke mit Sinn und Zielen orientiert und bestimmende Machthierarchien oder zentral entscheidende Autoritäten, also eine Regierung von oben, weniger wichtig nimmt. Nicht die großen Agglomerate, die Lebendigkeit, Kreativität und Flexibilität der kleinen Teams, der mittelständischen Unternehmen und der sozialen Gemeinschaften sind der Motor für wirtschaftliches und kulturelles Wachstum. Das Gemeinwesen ist ein lebendiger Organismus, keine Megamaschine, ein Netzwerk, kein Räderwerk.   

Dezentrale Autonomie in sozialer Verantwortung oder die Selbstorganisation der Menschen im Interesse des Gemeinwohls beschreiben den neuen Horizont der gesellschaftlichen Formierung: mehr Demokratie und ein dienender Staat. Ein Konjunkturprogramm, das Leben verbessert und die Produktivität aller Menschen stärkt, sollte nicht Konsum und Kaufrausch ankurbeln, sondern Bildung und Organisationsentwicklung, Kompetenzen und Durchblick schaffen und Zuversicht in die bürgerschaftliche Selbstorganisation vermitteln. Die Gesundheitswirtschaft stellt gegenwärtig sechs Millionen Arbeitsplätze bereit, die Automobilindustrie nur 800.000. Gesellschaftlich systemrelevant ist also die Gesundheit und nicht das Auto. Zu viele Politiker sehen das noch nicht. Das Deutsche Gesundheitssystem kann wirtschaftlich zu einem „globalen Exportwunder“ auswachsen. Und: Bei der Gesundheitssystementwicklung sind die USA nicht führend.

„Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft gehören zu den Gewinnern der Pandemie“, berichtet das Handelsblatt: „Sie bauen mit enormen finanziellen Ressourcen ihre Macht in einer Zeit aus, in der Unternehmen in vielen Ländern große Schwierigkeiten haben.“ Big Tech würde am Ende der Krise noch größer und mächtiger sein. Gesundheit ist jedoch komplexer und gesundes Leben beseelter und kreativer als künstliche Intelligenz. Daher sind soziale Gesundheitssysteme eine Herausforderung, die weit über die Möglichkeiten der Digitalisierung hinausweisen. Die Mittel der Kommunikationstechnologie liefern keinen Sinn, kein Mitgefühl, keine Seele und keine Lebendigkeit. Die Kunst der Gesundheitsförderung zielt auf gesündere Menschen in gesünderen Gesellschaften und in einer besseren Welt. Das ist die Herausforderung für Europa und die Gesundheitswirtschaft. Sie kann zur Quelle für nachhaltige Entwicklung werden, wenn wir die Lehren aus der Corona Krise ernst nehmen. Deutschland ist da besonders gut aufgestellt und sollte die Chance nutzen.  

Für die Zeitschrift „Welt der Krankenversicherung“ fasst Rolf Stuppart in einem Editorial die gesellschaftliche Herausforderung durch die Corona Pandemie prägnant zusammen: Die Corona Pandemie „betrifft nahezu jede Nische unserer Gesellschaft und Wirtschaft, unserer Kultur und Freizeit. Die Krise bestimmt unser Leben und natürlich die Gesundheitspolitik ganz vorrangig. Warum ist das so? Wir leben in einer globalen Welt der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten. Na ja, nicht für alle, aber für einen kleinen Teil der Weltbevölkerung mit Sicherheit. Die Vermögensverteilung ist schiefer denn je. Auch in Deutschland ist die Vermögenskonzentration höher als bisher bekannt. Nach den neuesten Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung vereint das reichste Prozent der Bevölkerung rund 35 Prozent des Nettovermögens auf sich. Doch für den allergrößten Teil der Menschen lief es dennoch nicht schlecht, jedenfalls besser als in den angeblich guten, alten Zeiten. Wachstum und „Geiz ist geil“ sind das Credo. Die Gesellschaft produzierte, konsumierte, feierte, mehr als jemals zuvor. Dann kam Corona, wie viele Viren zuvor auch. (...) Corona verweist auf die systemisch bedingte, erfolgreiche Verdrängung des Nachhaltigen, egal in welcher Frage. Kurzfristig Gewinn- und Kostengetrieben, das macht einen Großteil unseres Motors aus. Das produziert Ungleichgewichte in allen Bereichen. Humanitäre Katastrophen wie die Bedingungen der Flüchtlingskrise, aber auch das Leugnen der Klimakrise, ein Massentourismus der seine Ziele zerstört, privatisierte Versorgungsstrukturen (...).

Corona bringt es noch einmal auf den Punkt: Wann, wenn nicht jetzt, müssen Präventions- und Nachhaltigkeitsstrategien umfassend angegangen werden?  Corona zeigt uns, wir müssen raus aus dem Teufelskreis. Der Markt allein wird das nicht richten. Nachhaltigkeit und Prävention dürfen keine Gebetsmühlen mehr sein, keine Spielwiesen im Wettbewerb. Wir müssen künftig nicht nur über einen funktionierenden Infektionsschutz, über genügend technische Infrastruktur, über ausreichend gut qualifiziertes und entlohntes Personal (mehr Geld statt Applaus) im Gesundheitswesen verfügen. Die Erfordernisse weisen weit darüber hinaus. Wir brauchen mehr Integration, mehr Interdisziplinarität in der Willensbildung. Wir müssen auch alles für ein funktionierendes ökologisches Gleichgewicht tun. Corona ist ein Kind des Ungleichgewichts“ (https://www.medhochzwei-verlag.de/Zeitschriften/WdK/Leseprobe/Kostenlose-Ausgabe-WdK-7-8-2020.pdf).

Was Rolf Stuppart einfordert, ist eine grundlegende Neuorientierung der gesellschaftlichen Organisationskulturen und das Gesundheitswesen trägt dafür besondere Verantwortung: Die Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung und ein würdiger Umgang mit kranken und sterbenden Menschen sind die gesellschaftliche Aufgabe der Gesundheitswirtschaft. Wir müssen also künftig die Dinge anders machen. Bei der Eindämmung von Finanzspekulationen, in der Landwirtschaft, in der Energieversorgung, bei Europa. Dieses Andersmachen ist Voraussetzung dafür, dass Vertrauen in die Handlungsfähigkeit von Politik erhalten oder wiederhergestellt wird und dass unsere Gesellschaft genügend Halt und Sicherheit findet.



Teil II

2. Der Ausblick: Pandemien kommen und gehen.

Die Corona Pandemie stellt ein globales Ereignis dar. Die gefährlichsten Infektionskrankheiten weltweit sind aber immer noch die Tuberkulose und HIV. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des RKI erkranken jährlich 10 Millionen Menschen an einer Tuberkulose, etwa 1,5 Millionen Menschen sterben daran. In Europa sind es jährlich 450.000 Infektionen und 70.000 Todesfälle. Das Corona Virus und die Covid-19 Krankheit haben in Europa jetzt die Tuberkulose deutlich überholt. Weltweit sterben an der Tuberkulose oder an HIV aber weitaus mehr Menschen als durch Covid-19.

Die Spanische Grippe durch das Influenzavirus A/H1N1 von 1918 bis 1920 führte zu 20 bis 50 Millionen Todesfällen. In Deutschland sind nach Schätzungen 300.000 Menschen an dieser Infektion gestorben. Von 1957 bis 1958 hat die Asiatische Grippe mit dem Influenzavirus A/H2N2 bis zu vier Millionen Tote verursacht. In Deutschland starben 29.000 Menschen. Von 1968 bis 1970 ging die Hongkong Grippe mit dem Influenzavirus A/H3N2 ebenfalls mit vier Millionen Todesfällen einher. In Deutschland starben 30.000 Menschen. Die Russische Grippe mit dem Influenzavirus A/H1N1 tötete 1977 und 1978 weltweit 700.000 Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche. Die SARS-CoV-1 Pandemie mit einem Coronavirus von 2002 und 2003 verzeichnete aber nur 774 Todesfälle. Diese erste Pandemie des 21. Jahrhunderts war ein Medienereignis ebenso wie die Vogel-Grippe mit dem Influenzavirus A/H5N1, die von 2004 bis 2016 weltweit nur 450 Todesfälle mit sich brachte. Die Schweine-Grippe von 2009 bis 2010 verursachte nach Schätzungen 100.000 bis 400.000 Tote. In Deutschland starben dadurch 258 Menschen. Die MERS-CoV Virusgrippe 2012 bis 2013 brachte über 850 Todesfälle mit sich und die Ebola Viruskrankheit tötete von 2014 bis 2016 in Westafrika über 11.000 und 2018 im Kongo und in Uganda noch 1.600 Menschen. Es ist deutlich, dass die Corona Pandemie zu den großen Seuchen gehört, aber bei den bisherigen Erfahrungen der Seuchengeschichte kein herausgehobenes Ereignis darstellt.  

2.1 Viren gehören zum Leben

Viren kommen, sie verändern sich, Viren gehören zum Leben. Nicht alle Viren befallen den Menschen. Und nicht alle Viren, die den Menschen befallen, machen krank. Ein gesundes Immunsystem reagiert schnell und bekämpft die Eindringlinge oft mit Erfolg. Für einen Tierarzt sind Corona Viren etwas Alltägliches. Viren, die in der Natur und Tierwelt vorkommen, können die Grenze zu einem menschlichen Organismus überschreiten. Das passiert regelmäßig. So kommen dann neue Varianten bereits bekannter Viren unter die Menschen. Das Coronavirus SARS-CoV-2 wird wie die bekannten Grippeviren bleiben. Seine Aggressivität ist gegenwärtig höher als die der Influenza Viren und es verbreitet sich ohne Gegenmaßnahmen außerordentlich schnell. Es ist auch tödlicher als das Virus der Schweinegrippe. Mit der Zeit und mit einer fortschreitenden Immunisierung vieler Menschen nimmt die Gefährlichkeit des neuartigen Corona Virus ab und dann ist es ein Krankheitserreger wie viele andere auch, die kommen und gehen. Es geht dabei nicht um die „Herdenimmunität“ mit hohen Durchseuchungsraten. Der abgeschwächte Verlauf von Infektionsprozessen beginnt schon sehr viel früher. Es gibt auch wirksame Immunantworten auf Organismen, die bisher unbekannt waren.

Das Masernvirus ist so gekommen, die Kinderlähmung, Röteln, Mumps, Keuchhusten, Ebola, Aids oder die zahlreichen Influenzaviren. Die SARS- und MERS-Corona Viren sorgten 2003 und 2012 für öffentliche Aufmerksamkeit, andere Corona Viren sind nur Fachleuten bekannt und zirkulieren auch seit Jahren als Erkältungsviren in der Bevölkerung. Jedes Jahr verursachen die Grippe- und Influenzaviren weltweit zwischen 290.000 und 645.000 Todesfälle. Dies schätzt ein internationalen Forschernetzwerks unter Federführung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC. Die österreichische Ärztezeitung (ÖÄZ2020/4) berichtet am 25.2.2020, dass die jährliche Mortalität infolge von Influenza in Europa auf etwa 45.000 Todesfälle geschätzt wird. Vor allem Kinder unter fünf Jahren und Erwachsene über 65 Jahren sind betroffen. Im Zeitraum von 1999 bis 2015 wurden 34,1 Prozent der hospitalisierten Fälle intensivmedizinisch behandelt. Die Mortalität der Krankenhauspatienten lag bei 12,1 Prozent, wobei ältere Patienten mit 18 Prozent die höchste Sterblichkeit aufwiesen. Covid-19 verursacht demgegenüber keinen höheren Anfall an Intensivmedizinischer Behandlung und keine höhere Sterblichkeit.  

Pandemien sind immer Krankheiten durch Krankheitserreger und gleichzeitig Krankheiten der gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie produzieren kollektive Ängste, verschärfen soziale Spannungen und decken Gefahren auf, die gerne verdrängt wurden. Der verdrängte Tod im Alltag der Menschen wird plötzlich sichtbar und kollektiv unbewusste Energien kommen an die Oberfläche. Das Corona Virus offenbart die Gesundheit des sozialen Bindegewebes und den Zustand von Mitmenschlichkeit in den betroffenen Gesellschaften. Neu allerdings sind die weltweite und schnelle Kooperation von Wissenschaft und Forschung, die globale Kommunikationspolitik und das gesundheitspolitische Erschrecken in den entwickelten Gesellschaften, die bisher solche tödlichen Infektionskrankheiten als weit weg eingeordnet haben. Die emotionalen und sozialen Erfahrungen mit Lockdowns und Shutdowns sind ebenfalls neu und die politische Prioritätensetzung zeigt eine veränderte Priorität der Werte: Gesundheitsinteressen sind wichtiger als Wirtschaftsinteressen. Das kennzeichnet eine grundlegende Weichenstellung für eine soziokulturelle Neuorientierung im Sinne oder in der Tradition des Europäischen Humanismus.  

2.2 Die weitere Entwicklung der Corona Pandemie

Das Virus SARS-CoV-2 wird nach dem jetzigen Ausbruch relativ bald in der Bevölkerung eine Basisimmunität anregen und dann immer wieder zu Erkrankungsfällen führen und in beherrschbaren Schüben auftreten. Das Virus wird nicht mehr verschwinden und auch in verschiedenen Mutationen auftauchen. Kinder und junge Erwachsene erkranken nach einer Corona Infektion kaum schwer und sind daher nicht besonders gefährdet. Wir werden künftig also ein weiteres Erkältungsvirus haben und damit so gelassen umgehen, wie mit den bisherigen Erkältungsviren vom Nicht-Influenza Typ. Am Corona Virus werden aber genauso alte, beeinträchtigte und hinfällige Menschen sterben wie an Lungenentzündungen und allgemeinem Organversagen auch bisher schon. Die Zahl der Corona Todesfälle erreicht in Deutschland dieses Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Zahl der Todesfälle durch Lungenendzündungen aus anderen Ursachen.

Nach den Erfahrungen aus den erfolgreich handelnden Ländern können konsequente öffentliche Aufklärung, schnell zugängliche und breit angelegte Messungen des Infektions- und Immunstatus der Menschen und vor allem eine bürgerschaftliche Selbstorganisation mit Verständnis für die Bedeutung des sozialen Miteinanders wirksam zur Eindämmung der Infektionsausbreitung beitragen. Der Einsatz freiwilliger Tracking Apps zur anonymisierten Warnung von Kontaktpersonen im Fall einer Infektion optimiert die Seuchenbekämpfung. Instrumente zur Selbstorganisation der Infektionsabwehr durch die betroffenen Menschen unterstützen Reinventing Politics. Die kontinuierliche Erhebung des Infektions- und Immunitätsstatus der Bevölkerung und der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen muss ebenso sichergestellt werden wie die Unterbrechung von Infektionsketten durch die infizierten Personen selbst. Und dann gibt es auch technische Lösungen zur Desinfektion der Luft in geschlossenen Räumen. Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger können durch Umwälzanlagen, UV-Licht, Filtersysteme oder Ozonisierung eliminiert werden. Solche technischen Systeme werden künftig den Aufenthalt in geschlossenen Räumen sicherer machen.

Die Hoffnung auf schnelle Impferfolge oder wirksame Medikamente sind verständlich. Damit geht aber keine schnelle Lösung der Infektionsgefahren durch das Sars-CoV-2 Virus einher. Die massenhaft gekaufte Arznei „Tamiflu“ gegen die Vogel-Grippe und der teure, aber gefährliche Impfstoff „Pandemrix“ gegen die Schweine-Grippe haben auch gelehrt, dass das Geschäft mit der Angst vor Infektionskrankheiten und vorschnelle Heilsversprechen gefährlich sein können, viel Geld kosten und wenig oder gar keinen Nutzen zu stiften. Es braucht eine Medizin, die Gesundheit fördert, individuelle und soziale Resilienzen stärkt und die Gesundheitskompetenz der Menschen ausbildet. Präventive Strategien sind nachhaltig wirksamer und vernünftiger und auf Dauer auch die beste Medizin. Sie setzen auf die Bereitschaft der Menschen, den Umgang mit Krankheitserregern selbst in die Hand zu nehmen und sozial verantwortlich zu handeln. Händewaschen und Abstand halten helfen gegen Corona und Influenza-Viren. Alle etwa 200 Erreger, die Grippesymptome hervorrufen, werden dadurch wirksam bekämpft. Es hilft auch bei Magen-Darm-Viren, anderen Mikroben und bisher noch nicht bekannten Keimen, Bakterien, Viren und Krankheitserregern. Beim Corona-Virus ist der Abstand zu den Tröpfchen und Aerosolen am Wichtigsten, die mit der Atemluft von Infizierten einhergehen.

2.3 Soziale Gesundheit und Lebenswelten

Robert Koch, der Namensgeber des RKI, sagte bei seinem Nobelpreis Vortrag zum Beziehungsverhältnis von Krankheitserreger und Menschen: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Der Arzt und Infektiologe Louis Pasteur war der gleichen Meinung: „Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles.“ Der Sozial- und Umweltmediziner Max von Pettenkofer trank im Jahr 1892 öffentlich eine Flüssigkeit voller Cholerabazillen und blieb gesund. Er wollte zeigen, dass die Lebenswelt der Menschen für die Cholerakrankheit entscheidend sei. Und tatsächlich: Die Infektionskrankheiten wurden nicht durch die Segnungen der Medizin, sondern durch die gesellschaftliche Entwicklung gesunder Lebensverhältnisse besiegt. Pasteur, Virchow, Pettenkofer und Koch, die Helden der naturwissenschaftlichen Medizin, sorgten mit politischer und medizinischer Courage für „saubere Städte“ und gesündere Lebensräume und damit für ein neues Gleichgewicht zwischen Bakterien, Menschen und ihrem Gemeinwesen.

„Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles“, gilt es jetzt medizinisch wie politisch zu begreifen und für wirksame Bekämpfungsstrategien umzusetzen. Das Corona Virus und die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten stehen in einer Wechselwirkungsbeziehung. Das Virus macht nicht die Krankheit. Die Immunantwort und der Immunstatus des einzelnen Menschen sind beteiligt und die Lebenswelt und der Lebensraum schwächen oder stärken die Kraft des Immunsystems. Das Virus spiegelt die Gefahren einer „kontaktreichen Beziehungslosigkeit“ und einer rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen wider, die das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben. Corona ist ein Menetekel, eine unheilverkündende Warnung vor einem falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Psychosozialer Stress, Ängste, Einsamkeit oder Ausgrenzung schwächen das individuelle und erst recht auch das soziale Immunsystem. Die Bedeutung von sozialem Stress, Burnout oder Erschöpfungszuständen für die Schwächung des individuellen Immunsystems und die dadurch erhöhte Anfälligkeit für das Corona Virus wird bisher sträflich unterschätzt.

Die junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie belegt, dass Lebenszufriedenheit, möglichst viel positive Gefühle, gute Beziehungen, das Gefühl von Durchblick, Selbstbestimmung, Lebenssinn und Geborgenheit in der Gemeinschaft das Immunsystem stärken und unsere Abwehrkraft gegen Viren oder Bakterien verbessern. In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen. Die soziale Immunität und Resilienz sind in den USA schlecht, in Deutschland relativ gut und das erklärt auch die unterschiedlichen Problemlagen. Offenbar besitzen der soziale Zusammenhalt und ein breites Vertrauen der Menschen in die staatlichen Organe eine hohe Gesundheitskraft und eine zerrissene Gesellschaft ist für Krankheiten anfälliger. In den USA haben Afro-Amerikaner oder Latinos einen deutlich überproportionalen Anteil an den Covid-19 Todesfällen.  

Die sozialen Determinanten sind auch bei Covid-19 unübersehbar. Arme Menschen, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Leute in prekären Arbeitsverhältnissen oder schlechten Wohnverhältnissen sind häufiger betroffen. Stabile soziale Bindungen und gute Bildung schützen auch vor Infektionen. Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme und unsere Abhängigkeit von anderen Menschen. Jetzt wird sich zeigen, ob unsere offene Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Individualismus hinbekommt. Es geht um ein gesundes soziales Bindegewebe. Individuelle Gesundheitskompetenz, gesunde Sozialentwicklung und ein neues menschliches Miteinander, also ein heilsames Milieu und achtsame Menschen in solidarischen Gemeinschaften sind die Stichworte für ein Gleichgewicht zwischen Viren, Menschen und ihrem Gemeinwesen. Und es braucht auch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur kommen hinzu. Nicht Wachstum, Nachhaltigkeit ist umzusetzen und Werte, nicht das Geld, sollten Maßstab sein.

Den notwendigen Werte-Horizont für die anstehende Neuorientierung von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beschreibt Albert Einstein mit seiner Aussage zur weltweit vernetzten Welt der Beziehungen. Es ist eine Handlungsanleitung unter der Einsicht einer globalen Verbundenheit von Menschen und Natur, Viren und Mikroben eingeschlossen: Wir sind mit den Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden und wir sind Teil der Natur und diese gehört uns nicht.

2.4 Gesellschaftliche Entwicklungen durch die Corona Krise

Die Wirkung der Corona Pandemie geht weit über das Infektionsgeschehen hinaus. Die Erfahrungen der letzten Wochen verändern gesellschaftliche Prioritäten und Orientierungen. Die neue Prioritätensetzung der Politik lautet: Die Gesundheit aller steht über den Wirtschaftsinteressen der Einzelnen. Das kündigt tatsächlich eine grundlegende Wende der Wirtschaftspolitik an, von der wir aber nicht wissen, ob sie sich nachhaltig durchsetzt. Eine „Gesunde Marktwirtschaft“ jedenfalls opfert nicht das Leben der Menschen und die natürlichen Ressourcen für kapitalistische Gewinninteressen. Nicht Geldgier und individueller Egoismus im Markt, soziale Verantwortlichkeit und humanistische Werte müssen die Märkte steuern.

Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, appelliert an eine langfristig orientierte Politik: „Bereits bestehende globale Herausforderungen wie insbesondere der Klima- und Artenschutz verschwinden mit der Coronavirus-Krise nicht. Politische Maßnahmen sollten sich auf nationaler wie internationaler Ebene an den Prinzipen von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, Zukunftsverträglichkeit und Resilienz-Gewinnung orientieren.“ Das gilt ganz besonders auch für das Denken und Handeln im Gesundheitswesen. Der Wert des Gesundheitssystems zum Schutz der individuellen und der sozialen Gesundheit steht über den Wirtschaftsinteressen und die Ökonomie des Systems ist den Menschen verpflichtet und nicht dem Kapital. Nicht eine profitable, geldgesteuerte Gesundheitswirtschaft, sondern das Gesundheitswesen als soziales Immunsystem zur Abwehr der Krankheitsgefahren unter den bestehenden Verhältnissen ist das neue Gestaltungsziel.

Das SARS-CoV-2 Virus mahnt andere Sichtweisen, ein Umdenken an: in der Medizin, in der Gesundheitswirtschaft und in der Gesundheitspolitik. Die Wegscheide zwischen sozialökologischer Transformation und kapitalistischer Restauration des Gesundheitssystems nach der Corona Krise ist jetzt geöffnet. Wir entscheiden nun, welches Ziel wir anstreben.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier formuliert die Ambivalenz der Menschen: Ich zuerst oder alle gemeinsam, mein Land zuerst oder internationale Solidarität, individualistischer Profit oder Verantwortlichkeit für die Community, die Mächtigen bestimmen, wo es lang geht, oder alle haben Teil und bringen sich ein. Eine Ahnung geht um in Europa – die Ahnung, dass sich alles ändert und ändern muss. Corona setzt das Zeichen für die notwendige Transformation vom egoistischen Ich zum kooperativen Wir.

In Deutschland wie in Europa ist jetzt die Post Corona Zeit angebrochen, das Virus verbreitet sich weiter. Es breitet sich aus und bleibt auf Dauer. Der Wagemut von Jugendlichen oder feiersüchtige und betrunkene Leute aus dem Volk sind ein kleineres Problem. Lokale Infektionsherde und Ausbrüche gehen mehr mit sozialer Benachteiligung einher. Große Familien in zu kleinen Wohnungen oder „Gastarbeiter“ unter desolaten Arbeitsbedingungen und engen Beherbergungszimmern sind gefährdet, einsame Alte und chronisch Kranke, Menschen im Stress und mit reduziertem Immunsystem. Die sozialen Verhältnisse von Armut und Verwahrlosung bestimmen auch das Krankheitsgeschehen bei Corona. Weltweit machen prekäre Verhältnisse und soziale Ausgrenzung die Covid-19 Krankheit schlimmer. Das ist ein übliches Erfahrungsmuster für Pandemien, heute wie vor 200 Jahren, als die
Tuberkulose oder die Cholera das Feld beherrschten. Die medizinischen Antworten sind immer noch gleich: Abstand halten, Quarantäne, Schutzmasken, Hände waschen, allgemeine Hygiene und die Hoffnung auf Medikamente und Impfungen.

Die amerikanische Biologin Lynn Margulis und der britische Biophysiker James Lovelock entwickelten vor 50 Jahren haben ein alternatives Denkmodell für die Naturwissenschaften.  Der gesamte Planet sei ein einziger Organismus aus sich selbst regulierenden Einzelzellen.
Die Konkurrenzgesellschaft des "Survival of the Fittest" bedinge eine ökologische und soziale Destruktivität. Das Leben auf der Erde sei aber eine sich selbst regulierende Gemeinschaft von Organismen, die untereinander und mit ihrer Umgebung kommunizieren. Lovelock, der jetzt 101 Jahre alt ist sagte vor vierzehn Jahren, dass extreme Wetterverhältnisse zur Normalität werden und die Welt im Jahr 2020 zahlreiche Katastrophen erleben würde. Wir leben mit der Corona Pandemie, am Polarkreis steigen erstmals die Temperaturen über 35 Grad Celsius, gewaltige Brände in Australien, Kaliforniern und Sibirien oder Heuschreckenplagen in Afrika und Südamerika bedrohen die Welt. „Schauen Sie, da gibt’s diese ideal rotierende Kugel im Weltraum, die von einem schönen Standardstern beleuchtet wird. Bis jetzt hat das Erdsystem immer alles kühl und lebensfähig gehalten, das ist die Essenz von Gaia. Es ist eine Ingenieursarbeit, und sie ist gut ausgeführt“, beschreibt Lovelock in einem aktuellen Interview (https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/niemand-versteht-gaia).

Das Covid-19-Virus sei ein Teil der Selbstregulierung von Gaia: „Ich vermute, dass sich nach dieser Pandemie ziemlich viel ändern wird. Ich denke, die Menschen werden alles Mögliche entdecken, was sie tun können und vorher nicht getan haben. Vielleicht werden sie merken, dass es keine so gute Idee ist, dick zu werden; dass ein großer Teil des Leidens, das sie im mittleren Alter und in der späteren Lebensphase befällt, einfach dadurch verursacht wird, dass sie zu viel von der falschen Art Nahrung zu sich nehmen.“

Die Corona Herausforderung führt europaweit zu föderalen Organisationskulturen und zu einem veränderten Verhältnis von regionaler Selbstverwaltung und zentraler Staatsmacht. Auch Frankreich, Spanien und die anderen europäischen Staaten folgen beim Neustart des sozialen Lebens einem System, das zwischen unterschiedlich betroffenen Regionen unterscheidet, also dezentrale Umgangsweisen mit der Pandemie forciert. Es gibt grüne Regionen mit beherrschbarem Infektionsgeschehen und rote Gebiete mit starken Einschränkungen. Frankreich hat auch eine Corona-Warn-App mit dem Namen "StopCovid" herausgebracht. Die App Technologien schwanken zwischen zentralistischen Kontrollverfahren und Selbstorganisation der Bürgerschaften. Die deutsche Lösung ist besonders freiheitlich und überzeugend.

Europaweit entwickeln sich also übereinstimmende Organisationsweisen von Kontakt und Begegnung mit einer transparenten Risikokommunikation. Entscheidend dafür sind sichere Testverfahren und Erkenntnisse über Infektionsquoten von Regionen und Gruppen und ein verlässliches Risiko Monitoring durch Messungen des individuellen wie des sozialen Immunitätsstatus. Das ist technologisch gut möglich. Es gibt inzwischen überall Corona Atlanten und regionale Übersichten mit grünen, gelben und roten Regionen und den jeweils aktuellen Infektionszahlen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und Woche. Ein Dashboard zu COVID-19 mit Fallzahlen nach Bundesland und Landkreisen stellt das RKI bereit:
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV_node.html
Seit Beginn des COVID-19-Ausbruchs unterstützt auch das Zentrum für Internationalen Gesundheitsschutz (ZIG) des RKI aktiv die Krisenreaktion auf nationaler und internationaler Ebene: https://www.rki.de/DE/Content/Institut/Internationales/COVID_ZIG/COVID_ZIG_node.html
Das „European Centre for Disease Prevention and Control” der EU veröffentlicht die Verhältnisse in den europäischen Ländern: https://www.ecdc.europa.eu/en/covid-19-pandemic
Beispielhaft und ansprechend ist die Informationstechnologie der Complexity Science Hub Vienna (CSH). CSH ist ein Verein zur wissenschaftlichen Erforschung komplexer Systeme mit Sitz in Wien. Die CSH Corona Ampel liefert für alle Bürger*innen transparente und faktenbasierte Grundlagen: https://csh.ac.at/covid19/corona-ampel/. Das Gesundheitswesen kann für evidenzbasierte Entscheidungen den CSH Health Care Info Point nutzen: https://csh.ac.at/covid19/healthcare/. Der CSH COVID19 Info Point stellt der Öffentlichkeit einen gut aufbereiteten Überblick zum gesamten Corona Geschehen zur Verfügung: https://csh.ac.at/covid19/. Das Beispiel der CSH Kommunikationsmedien verdeutlicht, wie Wissenschaft, Forschung, Medizin und Gesundheitsversorgung mit den Instrumenten der Kommunikationstechnologie eine Kooperationskultur verwirklichen, die für Politik und Zivilgesellschaft neue Handlungskompetenzen auf einer gesicherten Datengrundlage eröffnen.   

Deutschland und Österreich haben ein Gesundheitssystem, das der Corona Aufgabe gewachsen war und einen politischen Konsens, der die Bevölkerung zusammenführte und nicht spaltete. Das ist hier wie in Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark oder der Schweiz eine heilsame Ressource. In Belgien, Italien, Frankreich, Spanien oder Großbritannien und vor allem in den USA oder Brasilien verursachen gespaltene und zerstrittene gesellschaftliche Verhältnisse psychosozialen Stress und zusätzliche Angst. Das scheint unter den sozialen Komponenten der Corona Wirkung von besonderer Bedeutung zu sein.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt und zwischenmenschliche Solidarität erhöhen offensichtlich die kollektive Resilienz ebenso wie die individuelle. Das belegen die Erkenntnisse der Gesundheitswissenschaften, der Psychoneuroimmunologie (PNI) oder der psychosomatischen Medizin. Das kooperative und sozial verantwortliche Verhalten der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland hat bereits vor den staatlichen Maßnahmen die Ansteckungsdynamik deutlich abgeschwächt. Die Reproduktionszahl sank im März schon ohne staatlichen Zwang. Reinventing Politics, das Verständnis von Gesellschaft als hochkomplexer und lebendiger Organismus stellt eine der zentralen Lehren der Corona Pandemie dar, die auf andere Probleme wie Armut, Migration oder Klimawandel übertragbar ist. Eine neuartige gesellschaftliche Organisationskultur von Transparenz und Kompetenz wird sichtbar.   

Teil III

3. Die Lehren der Corona Pandemie

Die Wirkungen der Corona-Pandemie sind Teil einer krisenhaften Entwicklung, die viel tiefer greift. Die globale Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren, die Flüchtlingskrise 2015 und die Corona-Pandemie stellen Erfahrungen dar, die mit Kontrollverlust einhergehen, existentiell verunsichern und die gesellschaftlichen Spaltungsprozesse verstärken. Die freie Gesellschaft ist herausgefordert, politisch und wirtschaftlich die Freiheit und den sozialen Zusammenhalt zu sichern.

Als die HIV/AIDS Pandemie lief, wollten rechte Politiker die „Aussätzigen“ (Peter Gauweiler) verbannen und ausgrenzen. Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth forderte das Beschreiten "neuer Wege" im Umgang mit AIDS, um einen "neuen Werterahmen für das politische Handeln" zu setzen. Das war damals eine kleine Revolution und ein gesellschaftlicher Fortschritt. Nicht das Virus war die Bedrohung, sondern rigide Isolations- und Quarantänemaßnahmen, die soziale Spaltungen forcierten. Bewältigt wurde diese Pandemie durch die sozial verantwortliche Selbstorganisation der betroffenen Menschen, innovative Medizin und neue Versorgungskulturen. Es war ein Lehrstück für eine bessere Medizin.

Der Umgang mit Vogel- und Schweinegrippe, mit Sars-CoV-1 oder Ebola-Ausbrüchen in den vergangenen Jahren haben alle Ängste, Widersprüche und Unsicherheiten erneut hochgespült. Die Corona Pandemie produziert Bilder vom Krieg gegen das Virus, dem Kampf gegen die Killerkeime oder dem Massentod von Menschen, die von der Medizin nicht mehr gerettet werden. Viren, Bakterien und Mikroben gehören aber zur Natur und zum Leben und wir müssen lernen, mit dieser Gefahr ohne Angst umzugehen. Es können auch weitere, noch gefährlichere oder tödlichere Pandemien kommen. „Wir werden nach dieser Krise eine andere Gesellschaft sein“, meint Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Osterbotschaft: "Wir wollen keine ängstliche, keine misstrauische Gesellschaft werden. Aber wir können eine Gesellschaft sein mit mehr Vertrauen, mit mehr Rücksicht und mit mehr Zuversicht“ Die Corona-Pandemie prüfe unserer Menschlichkeit und rufe das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervor.

Das ist die Herausforderung: das vorhandene Gesundheitssystem so innovativ zu gestalten, dass es die heilsamen und nicht die zerstörenden Kräfte in der Bevölkerung pflegt und die Resilienz der Gesellschaft sicherstellt. Zwei Orientierungsfelder sind dafür besonders wichtig: die Realisierung einer ganzheitlichen Medizin und einer vernetzten Versorgung, die individuelle und soziale Gesundheitsförderung in den Lebenswelten umsetzt. Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge gehen der Frage nach, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet: „Das Corona-Virus hat uns an eine Zeitenwende gebracht. Beides ist jetzt möglich, das Strahlende und das Schreckliche.“ Es ist zweifelsohne gesund, sich für das „Strahlende“ zu entscheiden.

In Deutschland wie in Europa ist jetzt die Post Corona Zeit angebrochen, das Virus verbreitet sich weiter. Es breitet sich aus und bleibt auf Dauer. Der Wagemut von Jugendlichen oder feiersüchtige und betrunkene Leute aus dem Volk sind ein kleineres Problem. Lokale Infektionsherde und Ausbrüche gehen mehr mit sozialer Benachteiligung einher. Große Familien in zu kleinen Wohnungen oder „Gastarbeiter“ unter desolaten Arbeitsbedingungen und engen Beherbergungszimmern sind gefährdet, einsame Alte und chronisch Kranke, Menschen im Stress und mit reduziertem Immunsystem. Die sozialen Verhältnisse von Armut und Verwahrlosung bestimmen auch das Krankheitsgeschehen bei Corona. Weltweit machen prekäre Verhältnisse und soziale Ausgrenzung die Covid-19 Krankheit schlimmer. Das ist ein übliches Erfahrungsmuster für Pandemien, heute wie vor 200 Jahren, als die Tuberkulose oder die Cholera das Feld beherrschten. Die medizinischen Antworten sind immer noch gleich: Abstand halten, Quarantäne, Schutzmasken, Hände waschen, allgemeine Hygiene und die Hoffnung auf Medikamente und Impfungen.

Nur die Corona-App ist neu! Seit dem 16. Juni 2020 ist diese Kommunikationstechnologe verfügbar. Sie soll alle Bürgerinnen und Bürger darin unterstützen, Kontakte nachzuverfolgen und Infektionsketten zu unterbrechen, als auch durch Selbsthilfe in sozialer Verantwortung handlungsfähig zu werden. Die App wird vom RKI für die Bundesregierung herausgegeben. Wenn Menschen zielgerichtet durch Messverfahren schnell über eine mögliche Infektion informiert sind, können sie damit schnell reagieren und sich und andere schützen. Die App hilft also, die eigene Familie, Freunde und das gesamte Umfeld zu aktivieren und handlungsmächtig zu machen. Das Open-Source-Konzept der dezentralen Selbststeuerung überzeugt auch kritische Datenschützer. Informationstechnologie kann die bürgerschaftliche Selbstorganisation zur Bewältigung von Lebensrisiken wirksam unterstützen, Handlungsfähigkeiten generell verstärken und Transparenz über die Verhältnisse bereitstellen. Die Gesundheit verbessert sich, wenn die Handlungsfähigkeit der einzelnen Menschen, ihre Gesundheitskompetenz gestärkt wird. Über 20% der Bevölkerung nutzen die Corona App. Das ist wirksam. Die Akzeptanz der Technologie hängt vor allem von zwei Kriterien ab: Datensicherheit und Freiwilligkeit. Deutschland ist nicht China und Freiheit geht in Europa mit sozialer Verantwortlichkeit einher. Die Entwicklung und Nutzung der Corona Warn App ist ein prägnantes Beispiel für „Reinventing Politics“, einer neuen Haltung und lebensnahen Organisationsweise der Politik.

3.1 Die Prüfung unserer Menschlichkeit

In den ökonomischen Wissenschaften hat die radikale Neuorientierung jenseits von Macht und Kapitalinteressen längst begonnen. Leo A. Nefiodow beschreibt seit 25 Jahren mit dem sechsten Kondratieff die Dynamik des Wandels. Der Kapitalismus in seiner bisherigen Form mit Betrug, Korruption, Gewalt, Ausbeutung von Menschen und Natur, Machtmissbrauch, wachsender Ungleichheit und Naturzerstörung bedroht das Leben und Überleben der Menschen. Notwendig sei ein Streben nach einer ganzheitlich verstandenen Gesundheit, in deren Zentrum, als Basisinnovation, die Erschließung psychosozialer Potenziale steht, also eine Medizin der Ganzheitlichkeit (Nefiodow 2014).

Der Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier diagnostiziert den kranken Zustand unserer Gesellschaften und plädiert für einen sozialen Kapitalismus mit „gesunden Gemeinschaften“. Für ihn sind menschliche Beziehungen zum wechselseitigen Nutzen die Grundbausteine einer gesunden Gesellschaft (Collier 2019). Seine Kollegin Kate Raworth lehrt in Oxford eine neue Ökonomie, die Bildung, politische Teilhabe und Gesundheit als Ziel verfolgt und eine Wirtschaft fördert, die das menschliche Maß und den Erhalt der natürlichen Ressourcen über den Profit stellt (Raworth 2018). Nicht das Geld, der Nutzen für Mensch und Natur wird zum Maßstab für wirtschaftliches Handeln und die Gesundheit der Menschen misst, wie dies erfolgreich gelingt. Der Wert der Gesundheit steht über dem Wert des Geldes.  

Die Politikwissenschaftlerin und Expertin für Gesundheitsförderung und globale Gesundheit, Ilona Kickbusch, benennt die künftigen gesellschaftlichen Kulturen als Gesundheitsgesellschaft: „Gesundheit wird allgegenwärtig, und das derzeitige Gesundheitswesen wird zum Nebenschauplatz, wenn es um die Gesunderhaltung geht. Es braucht daher eine neue Gesundheitspolitik, die diesen Namen verdient. Dabei geht es nicht nur um neue Strategien, sondern auch um eine Diskussion über die Werte und ethischen Grundlagen der Gesundheitsgesellschaft. Bürgerinnen und Bürger, Politik und Markt müssen auf neue Weise zusammenwirken, um nachhaltige Gesundheit zu ermöglichen“ (Kickbusch 2014).

Zunehmend wächst in Wirtschaftsunternehmen die Einsicht, dass reines Profitstreben allein keine Daseinsberechtigung begründet. Die Gesellschaft verlangt, dass Firmen einem gesellschaftlichen Zweck dienen, lautet die neue Parole der Wirtschaftsberater. Sie sprechen von Purpose: Menschen ebenso wie Unternehmen brauchen Purpose, sie müssen einen Sinn besitzen und einem höheren Zweck dienen, wenn sie in den Zukunftsmärkten erfolgreich sein wollen. Die bisher oberste Regel im Kapitalismus, dass Unternehmen dem Profit dienen müssen, wird jetzt umdefiniert und immer mehr Manager und Unternehmer glauben an die purpose economy. Der Danone-Konzern verlautbart, dass er möglichst vielen Menschen gesunde Lebensmittel liefern will. Das klingt, als ginge es gar nicht mehr um Umsatz und Gewinn, sondern darum, die Welt zu verbessern.

Die Kraft von Purpose beschwört auch die Daimler AG: „Und genau dann wird es knifflig, denn pauschale Inspiration gibt es nicht. So individuell wie wir ticken, so speziell sind auch die Trigger, die wir benötigen, damit wir die Ärmel kochkrempeln, in die Hände spucken und sagen: So! Dann wollen wir mal! Deshalb ist es so wichtig, dass Purpose kein „Wasserfallmodell“ ist, sondern als „Grassroot-Bewegung“ der Belegschaft gesehen und angegangen wird. Ein Purpose muss aus der Mitte eines Unternehmens heraus entstehen und wirklich versuchen alle mitzunehmen. Alles andere sind hohle Marketingphrasen und die Gefahr ist groß, dass sie im Unternehmen auch als solche wahrgenommen werden“ (Palenberg 2019). Das Statement lässt sich gut auf demokratische Körperschaften und kommunale Lebenswelten übertragen. Es geht um Gemeinschaft und um Netzwerke sich ergänzender Stärken, um Bürgerschaftliche Selbstorganisation ohne Bevormundung und Angst, eben Reinventing Politics.

Der niederländische Historiker Rutger Bregmann hat 2019 beim Weltwirtschaftsforum in Davos gefordert, die Reichen dieser Welt gerecht – also stärker – zu besteuern und die Harmonie unter den Mächtigen gestört. Die Superreichen reden dort über soziale Gerechtigkeit und verdrängen, dass ihre fragwürdigen Geschäftsmodelle und ihr Steuervermeidungsmanagement die Probleme zuspitzen. Die politischen Führungseliten kommen gerne dorthin, wo sie von den Kapitalisten betört werden und deren Weltsicht übernehmen. "Wir brauchen ein neues Menschenbild", sagt Rutger Bregman, "ein realistisches und ein hoffnungsvolles." Und das gilt ja nicht nur für den Klimawandel, sondern auch gerade jetzt, in der Corona-Krise. Sein neuester Bestseller „Im Grunde gut, eine neue Geschichte der Menschheit“ beschreibt, dass die Menschen grundsätzlich gut sind und füreinander einstehen wollen. Die Mehrheit der Menschen ist kooperativ und mitmenschlich: „Auf jeden Panikkäufer kommen Tausend Krankenschwestern, die sich den Arsch aufreißen“ (Bregmann 2020)

Wir müssen, wie Frank-Walter Steinmeier fordert, das Beste unter den Menschen hervorholen und menschlicher werden. Es könnte tatsächlich gelingen, dass wir durch die Corona Krise gelehrt und ermutigt, das Gesundheitswesen in eine Gemeinwohlökonomie transformieren und die Gesundheitswirtschaft zum ansteckenden Beispiel für andere Wirtschaftsbereiche machen. Wir sind jetzt herausgefordert, diese Wege einer Heilung des Kapitalismus zu eröffnen und beispielhaft zu realisieren. Die Reaktion der Welt auf die aktuelle Seuche gibt dazu ein Mandat und Freiheit gleichermaßen. Ich schlage vor, die Gesundheitswirtschaft als eine globale Gemeinwohlökonomie zu denken, mit Mut und Tatkraft zu realisieren und eine Gesunde Marktwirtschaft anzustreben.

Ein kleines Virus legt seine Hände in die Wunden unseres Gemeinwesens. Mit dem Virus zu leben, bringt Veränderungen des bisher normalen Lebens mit sich und fordert eine andere Haltung im Umgang mit den Mitmenschen und der Natur: mehr Empathie und Mitgefühl füreinander und für die Verletzlichkeit unserer Welt. Technokratische Selbstgerechtigkeit und den Machbarkeitswahn der Wachstumsgläubigen hat das Virus vor den Fall gebracht.

Und der Deutsche Bundestag reagiert tatsächlich konstruktiv: Der Antrag der Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD mit dem Titel „Engagement für die Globale Gesundheit ausbauen – Deutschlands Verantwortung in allen Politikfeldern wahrnehmen“ wurde Ende Mai 2020 beschlossen. Weltweit gelte, dass es Wohlstand und Entwicklung ohne Gesundheit nicht geben könne. Deutschland soll für die globale Gesundheit eine Vorreiterrolle einnehmen und auch die gesundheitsförderliche Bedeutung der Bereiche Landwirtschaft, Umwelt, Bildung, Forschung, Außenwirtschaft und Gleichstellung einbeziehen. Die Bundesregierung will jetzt „zeitnah eine ehrgeizige Strategie zur globalen Gesundheitspolitik vorlegen“ (Deutscher Bundestag: Drucksache 19/1949 vom 26.Mai 2020).

Der Beschluss nimmt Bezug auf die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) der Vereinten Nationen, die weltweit eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene anstreben und die allesamt einen Bezug zum Thema Gesundheit haben. Nach dem Ansehen, das Deutschland im Umgang mit der Corona Pandemie erworben hat, liegt im Engagement für ein gemeinwohlstärkendes Gesundheitswesen eine einzigartige Chance. Deutschland kann weltweit dazu beitragen, robuste, preiswerte und wirksame gesundheitliche wie soziale Versorgungssysteme zu entwickeln, die ihre Aufgabe gemeinwohldienlich erfüllen.

Die systemische Fähigkeit mit möglichst günstigem Ressourceneinsatz größere Bevölkerungsgruppen von der Geburt bis zum Tode gesundheitlich gut zu versorgen, sozusagen einen Volkswagen der Gesundheitsversorgung zu bauen, ist auch ein Wirtschaftsprodukt, das überall gebraucht wird. Deutschland war mal die Apotheke der Welt. Deutschland könnte zum Gesundheitsversorger der Welt werden, wenn es die Herausforderung einer nachhaltigen Sicherstellung von Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit anpackt und seine Systemkompetenzen in die globale Gesundheitsversorgung einbringt: Deutschland als Gesundheitsquelle für die Welt.
Die globale Gesundheit braucht Gesundheitssysteme, die ökonomisch, also wirtschaftlich effizient, effektiv und preiswert große Bevölkerungsgruppen versorgen können.

3.2 Das Virus und die gesunde Gesellschaft  

Ärzte aus Bergamo haben sehr früh über ihre konkreten und schmerzlichen Erfahrungen mit Covid-19 berichtet. Sie empfehlen ein Umdenken: In Pandemien seien Lösungen „für die gesamte Bevölkerung erforderlich, nicht nur für Krankenhäuser“, berichtet die Ärztezeitung am 23. März 2020 (https://www.aerztezeitung.de/Politik/Corona-Pandemie-Italienische-Aerzte-fordern-Perspektivwechsel-407939.html): „Westliche Gesundheitssysteme basieren auf dem Konzept der patientenzentrierten Versorgung, aber eine Epidemie erfordert einen Perspektivwechsel hin zu einem Konzept der gemeinschaftszentrierten Versorgung“, schreiben die Autoren. Der Versorgungsdruck, der in Italien auf den Krankenhäusern liege, müsse deshalb auf häusliche Pflege und mobile Dienste verlagert werden. Nur so könne vermieden werden, dass das Versorgungssystem selber zur Verbreitung des Coronavirus beitrage.“ Das RKI beklagt auch in Deutschland über Covid-19-bedingte Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern.

Eine profitgesteuerte Leistungsgesellschaft, die zum Konsum verführt, Konkurrenz und Rivalität als Wert verkauft, produziert allseitig Angst und lebt von der durchdringenden Gier nach Geld und Macht. Die Besitzenden fürchten den Machtverlust, die Konsumenten die Armut und die Abhängigen ihre soziale Ausgrenzung. Die Corona Krise zeigt auch das Versagen einer kommerzialisierten Medizin. Wenn Geld das Krankenhaus regiert, als Maßstab für Wert, Bedeutung und Erfolg, und Chefärzte ihre Entscheidungen den finanziellen Vorgaben des Managements unterwerfen, ist das Gesundheitswesen selbst krank und hilflos einem Virus ausgesetzt. Lukrative Patienten, nicht hilfsbedürftige Kranke sind das Objekt einer profitgesteuerten Medizin. Und plötzlich entsteht unter den Marktrivalen ein weltweiter Kampf um überteuerte Schutzkleidung und Atemmasken, der Arme und Reiche weiter spaltet und einer patientennahen Medizin die Luft nimmt.  

Geld- und Machtinteressen als Antrieb für medizinischen Erfolg gehen über die Gesundheitsinteressen der Bevölkerung schamlos hinweg. Nur wer zahlen kann, bekommt schnelle Hilfe. Der Kapitalismus in seiner Gier kolonialisiert jetzt den Leib, nachdem die Kolonien abgeschöpft sind. Die Sehnsucht kranker wie gesunder Menschen richtet sich aber auf die Sicherstellung einer humanen Gesellschaft. Eine Heilkunde des Sozialen gehört seit jeher zum ärztlichen Auftrag. Sie motiviert Ärztinnen und Ärzte für ihre Aufgabe, nicht der Mammon: „Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung.“ Die ärztliche Berufsordnung fordert das ebenso wie das ärztliche Gelöbnis ein und in der Corona Krise haben viele Ärztinnen und Ärzte dafür ihr Leben gegeben. Menschlichkeit ist der Leitstern sozialer Gesundheitssysteme.

„In seiner berühmten Zellularpathologie zeichnet Virchow ein Bild des menschlichen Organismus als Idealstaat, in dem die einzelnen Bürger als freie und autonome Individuen existieren. Als Anhänger eines gemäßigten Liberalismus bemühte er sich, die Selbstbestimmung des Einzelnen mit dessen Abhängigkeit von anderen Teilen des Gesellschaftsgefüges in Einklang zu bringen. (...) In den zeitgleich geführten politischen Diskursen sprach man häufig vom sogenannten Staatsorganismus. Die Körper-Staat-Metapher, wie sie Virchow in umgekehrter Richtung verwendet, belebte die Analogiebildung zwischen Organismus und Gesellschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert zusätzlich und gab dem interdisziplinären Austausch zwischen Biologie und Gesellschaftswissenschaften Raum“ (Sander 2012: 11 - 12).

So wie die einzelne Zelle als ein autonomes Individuum für den gesamten Organismus tätig sei, müsse auch der einzelne Bürger in seinem Verhältnis zum Gemeinwesen gesehen werden. Virchow kämpfte für eine politische Medizin, die individuelle Krankheiten mit dem Bildungsangebot, den Wohnverhältnissen oder dem Grad der Selbstständigkeit in Zusammenhang brachte. Seine sozialmedizinischen Analysen begründeten seine Forderung nach mehr Demokratie und einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen.

Virchows explizite Analogie von Körperzellen und Staatsbürgern war nicht nur metaphorisch, sondern direkt politisch gemeint. Die Grundeinheiten des Lebendigen, die Zellen, organisieren sich zu sozialen Zellgefügen. Sie bilden als wohlorganisierter Zellenstaat einfache und höher strukturierte Gewebe wie Muskel, Nerven und Blutsysteme aus. Bei Gesundheit herrscht im Körper ein "demokratisches" Gleichgewicht, das durch krankhafte Veränderungen der Zellgebilde gestört werden kann. Medizin und Politik, individuelle und gesellschaftliche Gesundheit werden in Virchows Gesamtwerk miteinander verbunden und beides hat zum Ziel, pathologische Entwicklungen von der Zelle bis zum sozialen Gewebe zu erkennen und deren Fortschreiten zu verhindern, also eine gesundheitsförderliche Kultur zu entfalten.

Die eindeutigen Erkenntnisse der heutigen Wissenschaften bestätigen Rudolf Virchow: Körper, Geist und Seele oder Individuum und Gemeinde bilden einen vernetzten Organismus. Psyche und Gehirn, Nerven-, Hormon- und Immunsystem wirken zusammen. Soziales Umfeld und die Lebenswelten des einzelnen Menschen, alles ist mit allem verbunden und beeinflusst wechselseitig individuelles wie soziales Befinden. Diese komplexen Zusammenhänge durchleuchtet die Psychoneuroimmunologie (PNI). Die Stressforschung, Resilienz-Untersuchungen, psychosoziale Erfahrungen oder die psychosomatische Medizin belegen dies ebenso: Menschen sind keine Maschinen, sondern Lebewesen und soziale Systeme, sind keine Räderwerke, sondern lebendige Netzwerke.

Der Nestor der psychosomatischen Medizin, Thure von Uexküll, setzte die integrierte Medizin gegen eine „Heilkunst für Körper ohne Seelen und für Seelen ohne Körper“: „Jedes lebende System besteht aus Subsystemen und ist in Systeme höherer Ordnung eingebunden. Um sich ein lebensförderliches Umfeld zu schaffen, ist das Zusammenkommen von Organismus und Umwelt notwendig. Dieses „In-Passung-Kommen“ geschieht von der zellulären bis hin zur gesellschaftlichen Ebene. Misslingt dies, resultiert eine Störung beziehungsweise Erkrankung“ (Hontschik, Bertram, Geigges (Hrsg.) 2014).

Rudolf Virchow hat mit seiner Analogie des Zellenstaates geahnt, was jetzt die Gesundheitsforschung belegt. Im gesunden Organismus vertraut die Herzzelle der Leberzelle und der Gehirnzelle. Lebendige Organismen haben keine Kaiser, Päpste, Chefs oder autoritäre Machtinstanzen: Leben ist dezentrale Selbstorganisation mit zentral dienender Koordination. "Unsere Körper sind nichts anderes als hochkomplexe Gesellschaften von ziemlich autonomen Zellen, (...). Die Schönheit liegt in dem koordinierten Verhalten von so vielen Zellen, einzig um diese eine, hochfunktionale Kooperation herzustellen, die den menschlichen Körper ausmacht“, formuliert dazu die heutige Krebsforschung (Weinberg, Hanahan 2000). Selbstorganisation und Selbststeuerung sind konstituierend für soziale Lebenssysteme und wenn wir in sozialen Netzwerken denken und handeln, wird mit dem „Nervengewebe“ der Informationstechnologie eine hierarchiefreie gesellschaftliche Kooperationskultur möglich.

Der Körper funktioniert nicht wie ein kompliziertes Uhrwerk mit genetisch fixierten Rädchen und Pendeln. Gesundheit wird von Menschen in ihren Lebenswelten täglich geschöpft und verteidigt. Moderne Medizin und Gesundheitsförderung verstehen die komplexen Wechselwirkungsverhältnisse und befähigen Menschen, ihre Selbstheilungskräfte zu entfalten und ihre Lebensweisen wie Lebenswelten gesundheitsförderlich zu gestalten. „Mich interessiert der Mensch als Ganzes. In all seinen Eigenheiten. Und ich weiß, dass genau hier der Schlüssel zu einer besseren, individuelleren und erfolgreicheren Medizin liegt“, sagt der Psychoneuroimmunologe Christian Schubert: Er plädiert für ein neues Denken in Medizin und Forschung, das den ganzen Menschen im Blick hat – und einen radikalen Wandel unseres Gesundheitswesens erfordert (Schubert 2016).

3.3 Das Gesundheitswesen zwischen Ethik und Monetik

Die gesundheitspolitische Weichenstellung nach der Erfahrung mit der Corona Pandemie lautet: Wollen wir ein Gesundheitswesen, das dem Kapital mit seinen Interessen übereignet wird oder wollen wir ein Gesundheitswesen, das der Bevölkerung gehört und ihre Gesundheitsbedürfnisse erfüllt? Politik, Ärzte, Pflegedienste, Krankenhäuser, Krankenkassen, die Bürgerinnen und Bürger und die Organisationen der Zivilgesellschaft sind nun herausgefordert, eine Gesundheitswirtschaft umzusetzen, die sozial verantwortlich handelt und die Knochenbrüche des einzelnen Menschen ebenso wirksam behandelt, wie die Risse des sozialen Bindegewebes. Sinn, Vertrauen und Verantwortung für ein gesundes Gemeinwesen sind der Horizont für die Gemeinwohlökonomie und eine Gesunde Marktwirtschaft: Ein grünes Programm!

Künftige Medizin und Pflege betreuen den Menschen mit seinen körperlichen, seelischen und sozialen Bezügen. Sie nehmen Abschied vom Maschinenbild des Lebens und vom Reparaturdenken für defekte Zellen und Organe. Die Vorstellung von Körper-Maschinen und Gesundheitsfabriken entspricht nicht nur einer veralteten Organisationslogik, sondern auch einer Naturwissenschaft der Vergangenheit. Zukünftige Heilkunst und Pflege denken und handeln in vernetzten Systemen. Sie sehen genetische Vorgaben, die Biographie von Personen und die soziale Kultur miteinander verwoben. Gesundheit wird so zum Maßstab für eine gesellschaftliche Entwicklung, die den Zusammenhalt und die Mitmenschlichkeit fördert und Inklusion statt Ausgrenzung organisiert.

Die Neurobiologie erkennt das individuelle Gehirn als ein Sozialorgan: es ist „ein Produkt sozialer Erfahrungen und als solches für die Gestaltung von sozialen Beziehungen optimiert“ erläutert der Neurobiologe Gerald Hüther (Hüther 2011). Das menschliche Gehirn ist lebenslang ausbaubar, anpassungsfähig und flexibel. Die Masse der Gehirnzellen ist nicht endgültig festgelegt, sondern kann auch im Alter noch zunehmen. Der Psychiater Thomas Fuchs fasst die neue Sichtweise so zusammen: „Das Gehirn ist vor allem ein Vermittlungsorgan für die Beziehungen des Organismus zur Umwelt und für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Diese Interaktionen verändern das Gehirn fortlaufend und machen es zu einem biographisch, sozial und kulturell geprägten Organ“ (Fuchs 2017). Vertrauen in die eigene Kompetenz, Vertrauen in die Treue oder Redlichkeit der Anderen und Vertrauen darauf, dass es wieder gut wird, harmonisieren das Gehirn. Begründetes wie krankhaftes Misstrauen produzieren Angst, Verunsicherung und führen zu chronischem psychosozialem Stress, der die Infektanfälligkeit nachweisbar erhöht und die USA von Deutschland unterscheidet.

Die Ökonomie im Gesundheitswesen muss auf die Selbstorganisation und die soziale Verantwortungsbereitschaft aller beteiligten Akteure setzen und die Organisationsprinzipien lebendiger Organismen auf die Organisationskulturen sozialer Systeme anwenden. Wenn wir soziale Systeme als lebendige Organismen begreifen, werden Machthierarchien und Kontrollbürokratien überflüssig. Selbstorganisierte Kooperationen mit Transparenz der Verhältnisse und einer kontinuierlichen Selbstkontrolle der einzelnen Organe und Zellen im Organismus des Gesundheitswesens sind ökonomisch effizienter und effektiver. Schlagworte wie Digitalisierung, demographischer Wandel oder Globalisierung beschreiben eine Welt im schnellen Wandel. Die Informationstechnologie und die sozialen Kommunikationsmedien können für Ausbeutung, Unterdrückung und das „Schreckliche“ ebenso genutzt werden, wie für Aufbruch, Gemeinschaft, kooperative Handlungskulturen und das „Strahlende“.

„Soziale Beziehungen, Psyche und die verschiedenen Subsysteme des menschlichen Organismus, allen voran Nerven-, Hormon- und Immunsystem sind unauflösbar miteinander verbunden und in komplexen Netzwerken organisiert – und das über die gesamte Lebensspanne hinweg“ sagt der PNI Forscher Christian Schubert. Die Funktionalität und das Zusammenspiel dieser Netzwerke entscheiden darüber, ob ein Mensch gesund bleibt oder krank wird, sich vital oder erschöpft fühlt, langsam oder schnell altert. Gesundheit ist Ausdruck einer Kooperationskultur von Individuum und sozialem Gefüge und somit auch ein verlässlicher Maßstab für gelingende Gesellschaft und für Wirtschaftsbeziehungen, die dem Gemeinwohl dienen.

Das Gesundheitssystem ist der Schlüssel für die Salutogenese und die Resilienz der Gesellschaft. Es entscheidet maßgeblich darüber, ob die Gesellschaft ihren inneren Frieden findet und zusammenhält oder ob sie in gruppenegoistische Subsysteme mit destruktiver Konkurrenz zerbricht. Die Corona Krise bestätigt die Zusammenhänge eindrücklich. „Reinventing Politics“ fordert den politischen Mut, auf bürgerschaftliche Selbstorganisation, dezentrale Autonomie und die Verantwortlichkeit der Menschen in ihren sozialen Bezügen zu setzen.

3.4 Gemeinwohlökonomie und Gesunde Marktwirtschaft

Die Ökonomie, also der haushälterische Umgang mit knappen Ressourcen, ist im Gesundheitssystem einfach zu managen und es stehen den beteiligten Akteuren gewaltige Ressourcen zur Verfügung. Für gesundheitliche Dienstleistungen und Produkte wurden 2019 in Deutschland 407,4 Milliarden Euro aufgewendet. Das waren 11,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Die Menschen finanzieren gegenwärtig mit ihrem individuellen Krankenkassenbeitrag ein jährliches Finanzvolumen von durchschnittlich 3.000 Euro pro Person und Jahr. Zusätzlich werden private und öffentliche Gelder eingesetzt. Es sind inzwischen über eine Milliarde Euro pro Tag, die für das Gesundheitswesen ausgegeben werden. Im Jahr 2019 haben die Gesetzlichen Krankenkassen 232,8 Milliarden Euro bereitgestellt, die Privaten Kassen 34,6 Milliarden Euro und die Soziale Pflegeversicherung 42,0 Milliarden Euro.

Die Vereinigten Staaten von Amerika pumpen knapp 17 % ihres Bruttoinlandproduktes in die Gesundheitsindustrie. Die kapitalistische Dienstleistungswirtschaft des freien Marktes kommt dort teuer, erreicht aber nur ein geringes Maß an sozialer Gesundheit und dekompensiert schnell, wenn ein Virus die Bevölkerung bedroht. Das Geschäft mit der Krankheit blüht trotzdem und die vorherrschenden Kapitalverwertungsinteressen führen zur Ausgrenzung der wirklich Versorgungsbedürftigen. Wenn der Mitteleinsatz für die Gesundheitsversorgung amerikanische Dimensionen hätte, stünden dem Versorgungssystem in Deutschland 180 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich zur Verfügung.  

180 Milliarden Euro sind das Finanzierung-Äquivalent von bis zu 4 Millionen Pflegekräften, Yogalehrern, Physiotherapeuten, Ärzten im Praktikum oder Krankenschwestern und Pflegern. Eine florierende Aktienbesitzermedizin wie in den USA würde aber weniger in solch personale Heilkraft, in helfende Hände und pflegende Menschen investieren. Das bringt keine Rendite. Die gibt es für Herzklappen, Beatmungsgeräte und andere Technologieprodukte, die überall auf der Welt und besonders in China hergestellt werden, auch Pharmaka oder digitale Vermarktungsweisen sind profitabel: 180 Milliarden versprechen in der kapitalistischen Gesundheitswirtschaft gut 18 - 36 Milliarden privatisierte Gewinnabschöpfung. Arbeitskräfte, die nur lokal und regional pflegen und therapieren sind weniger lukrativ. Die Gegensätze zwischen sozialem Gewinn und individualisiertem Profit werden deutlich, auch der Scheideweg zwischen sozialer Gesundheit und individuellen Kapitalinteressen.

Die Finanzmittel der Gesetzlichen und der Privaten Krankenversicherung liegen bei durchschnittlich 3.000 Euro „Kopfpauschale“ pro Person und Jahr. Aus dem Gesundheitsfond der Gesetzlichen Krankenkassen und aus den Zahlungen der Privaten Krankenversicherung hat ein Dorf mit 1000 Einwohnern 3 Millionen Euro, eine Stadt mit 100.000 Einwohnern 300 Millionen Euro und ein Land mit 10 Millionen Einwohnern 30 Milliarden Euro für die Gesundheit der Menschen zur Verfügung. Ein soziales Gesundheitswesen verpflichtet die beteiligten Akteure dazu, preiswerte Gesundheit für alle Bürgerinnen und Bürger sicherzustellen. Es geht insgesamt um einen optimalen Patientennutzen und nicht um die Gewinnmaximierung der einzelnen Bereiche oder Anbieter. Die Realität aber zeigt eine zunehmende Desintegration der Professionen, Sektoren und Heilmethoden. Diese Desintegration auf der Ebene der Systemsteuerung gleicht einer Krebszellenökonomie: Die Verhaltensweisen einzelner Institutionen oder Organisationen im Gesundheitssystem stehen im Widerspruch zur Gesamtaufgabe. Jeder versucht unter Inanspruchnahme der Systemressourcen möglichst unkontrolliert zu wachsen. Gesamtnutzen im Gesundheitswesen und lukratives Verhalten für ein Krankenhaus, eine Arztpraxis oder eine Krankenkasse stimmen nicht überein. Der maximierte Gewinn von Herzkatheter-Laboren oder Wirbelsäulen-Zentren zerstört die Ökonomie des gesamten Systems. Das nenne ich eine „Krebszellenökonomie“.

Individuelle und soziale Gesundheit stellen Werte dar, die nicht an der Börse gehandelt werden können. Gesundheit als Ziel bildet ein Bindegewebe, das die Menschen jenseits von ökonomischen und privaten Beziehungen miteinander verbindet. Eine vertrauenswürdige Medizin und Pflege leben von einem systemischen Verständnis des Gesundheitswesens: es ist ein sozialer Organismus mit kooperierenden Versorgungszellen, Kassenorganen und Körperschaften. Eine Gemeinwohlökonomie im Gesundheitswesen wird zum Hoffnungsträger für die Gesellschaft zwischen globalen Kapitalmärkten und individualisierter Auslieferung an Not und Krankheit. Die politische Kernaufgabe umfasst dabei die Gestaltung einer integrierten Medizin und einer integrierten Gesundheitsversorgung. Reinventing Politics und couragierte Gesundheitspolitik können zum heilenden Balsam für das zerbrechende soziale Bindegewebe werden und die gesellschaftlichen Verhältnisse so umgestalten, dass sie individuelle und soziale Gesundheit gleichermaßen fördern.

Das Unternehmen Gesundheit für Deutschland hat seine Zukunft jenseits der Krebszellökonomie als kooperatives Netzwerk. Wer in diesem System arbeitet, tut dies im Bewusstsein, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das Ganze ist mehr als die Summe aller Teile. Jeder zeigt sich bereit, seinen Beitrag für den Erfolg des Versorgungsnetzes zu liefern und die Funktionstüchtigkeit des gesamten Systems zu stärken. Kooperativer Wettbewerb um Leistungen und Ergebnisse in der Gesundheitsversorgung lösen die heutige Konkurrenz um Finanzierungspfründe und profitable Versorgungsnischen ab. Das Leitbild des sozialen Immunsystems beschreibt die realistische Utopie, die Gemeinwohlökonomie liefert dafür Konzepte und Instrumente und möglich wird eine „Gesunde Marktwirtschaft“.

Die Gesundheitsversorgung von morgen ist dabei keine von oben gestaltete und beherrschte Versorgungsmaschinerie mehr, sondern ein von unten gebildetes, ständig wandelbares, sich selbst organisierendes komplexes System, ein lebendiger Organismus. In der Zukunft werden voneinander abhängige und aufeinander bezogene Problembewältigungsgruppen zum Versorgungsträger, die gesundheitliche und soziale Arbeit im Wissen um die gemeinsame Aufgabe ins Werk setzen. Die Fähigkeit zur Kommunikation und Kooperation, das Wissen und Können der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten mehr Anerkennung im Versorgungssystem als strukturelle Machtausübung, Befehlshierarchien oder berufsständische Herrschaftsansprüche.

Die Arbeit mit Not leidenden Patienten und die Sorge für Kranke vermitteln einen besonderen Kontakt zum Kern des Menschlichen. Krankheit, Hinfälligkeit und Tod stellen die elementare Gefährdung des einzelnen Menschen dar, die ihm seine Bezogenheit auf die Mitmenschen sinnlich vermitteln. Daher besitzt das soziale und solidarische Gesundheitswesen in der Bevölkerung so viel Zuspruch. Es sichert die Human-Ressourcen und stärkt die inklusiven und produktiven Kräfte der modernen Gesellschaft. Gesundheit als Ziel bildet ein Bindegewebe, das die Menschen jenseits von ökonomischen und privaten Beziehungen miteinander verbindet. Ein systemisches Verständnis der Organisationen des Gesundheitswesens und eine Führungskultur, die ihre Qualitätsmaßstäbe an humanistischen Werten ausrichtet, sind entscheidend. Akteure wie Krankenkassen, Ärzteschaft, Pflegedienste, Krankenhäuser oder Sozialstationen müssen den Wandel von der geldgesteuerten Optimierung ihrer Partikularinteressen hin zu einer wertgesteuerten Optimierung der individuellen und der sozialen Gesundheit angehen. Das ist eine Herausforderung für das System, das gegenwärtig noch hinter dem Geld herrennt und in der Krebszellenökonomie gefangen ist.

Die Idee der Gemeinwohlökonomie entwickelt sich demgegenüber gerade zu einer kraftvollen Bewegung. Sie mit der sozialen Gesundheitsbewegung zu integrieren könnte eine gemeinwohlbasierte Gesundheitswirtschaft stärken und die Kultur einer Gesunden Marktwirtschaft konkret und praktisch entwickeln. „Die Gemeinwohl-Ökonomie beruht auf denselben Grundwerten, die unsere Beziehungen gelingen lassen: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind gelingende Beziehungen das, was Menschen am glücklichsten macht und am stärksten motiviert“ (Felber, 2012). Das alles stärkt nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Salutogenese auch die Gesundheit und die Resilienz von Communities und Gesellschaften.

Gemeinwohlökonomie im Gesundheitssystem führt zu einem gesunden Ausgleich zwischen den egoistischen Impulsen einer kapitalistischen Produktionswirtschaft und den mitmenschlichen Bedürfnissen oder Gemeinschaftsidealen der Bürgerinnen und Bürger in der Informationsgesellschaft. Ein so gestaltetes Gesundheitssystem minimiert gesellschaftliche Destruktivität und optimiert gesellschaftliche Produktivität. So gesehen dürfte eine preiswert erreichte psychosoziale Gesundheit in Deutschland auch neue Produktivkräfte für die künftige Volkswirtschaft entfalten. Das Instrumentarium des freien Marktes bleibt, aber die Maßstäbe ändern sich. Kontinuierlich und transparent gemessen wird dann nicht der Profit in Euro oder Dollar, sondern der Nutzen für die Gesellschaft mit einem gemeinwohldienlichen Maß. Wir können es umsetzen und damit eine Gesundheitswirtschaft begründen, die alltäglich beweist, was Gemeinwohlökonomie und Gesunde Marktwirtschaft zu leisten vermögen: sie sichern das individuelle und soziale Wohl für Alle und es wächst die Fähigkeit der Menschen, in ihren Lebenswelten mit Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern ohne Angst fertig zu werden.

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