Informationen zu Corona

Das Virus, die Menschen und das Leben

Dr. Ellis Huber, Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen

Ellis Huber 200

pdfDas Virus, die Menschen und das Leben / 16.07.2020

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Dorothée Remmler Bellen, Vorstand und Studienleiterin

Dorothee Remmler Bellen 200

Die Coronakrise bietet, wie jede Krise, auch eine Chance und macht in diesen Tagen deutlich, dass das soziale Bindegewebe in unserer Gesellschaft an vielen Stellen gerade wieder gefestigt und teilweise neu gewebt wird.

Da haben sich in den letzten Tagen ganz schnell Ehrenamtliche zusammengeschlossen um Menschen in Isolation zu versorgen, sich um Kinder zu kümmern, deren Eltern arbeiten müssen, oder Einkäufe für ältere Mitbürger zu tätigen. Auch auf Nachbarschaftsebene sehen wir ein ähnliches Verhalten; Studenten bieten per Fahhrad Kurier- und Einkaufsdienste kostenfrei an.

Die Krise lässt uns auch dankbar werden und Wertschätzung zeigen gegenüber Allen, die in Krankenhäusern, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen arbeiten. In Spanien haben Menschen sich landesweit zu einem bestimmten Zeitpunkt verabredet, um sich mit Applaus und Hupkonzerten bei all denen zu bedanken, die sich im Gesundheitswesen zur Zeit weit über das normale Maß hinaus einsetzen, um den am Coronavirus erkrankten Menschen zu helfen. In Deutschland haben wir das am 17. März um 21 Uhr ebenfalls gemacht.

Solche Nachrichten tun gut und machen Mut. Achtsamkeit und soziales Engagement gedeihen gerade auch in der Krise. Die Entschleunigung, die Reduzierung der Ablenkungen und Unterhaltungsmöglichkeiten bieten uns auch die Chance, uns wieder auf uns zu besinnen und auf das, was wirklich zählt. Oder zu schauen, wer braucht gerade jetzt meine Unterstützung.

Machen wir uns auch bewusst, dass wir selbst etwas dafür tun können unser Immunsystem zu stärken; nicht nur auf körperlicher Ebenes, sondern insbesondere auch auf psychischer Ebene. Angst und Stress, das wissen wir aus der Psychoneuroimmonulogie, schwächen das Immunsystem. Besonnenheit und Gelassenheit sind bessere Ratgeber in herausfordernden Situationen.

Gehen wir die nächste Zeit mit diesem Perspektivwechsel an; lassen Sie uns gemeinsam weniger in Panik verfallen, sondern mit aller gebotenen Vernunft diese besondere Herausforderung meistern und dabei solidarisch, achtsam und mit Nächstenliebe handeln.

Weitere Informationen (Beiträge nach Erscheinungsdatum - aktuellster Beitrag oben)

Thesenpapier: "Die Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19: Datenbasis verbessern - Prävention gezielt weiterentwickeln Bürgerrechte wahren" ( Dr. med. Matthias Schrappe u.a.) v. 3.5.20

Stellungnahme von Gert von Kunhardt, Präventologe und Somatologe v.22.04.2020

Stellungnahme der Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften v. 13.4. 2020: Coronavirus-Pandemie - Die Krise nachahltig überwinden

Bewältigung der COVID-19 Pandemie:  Gesundheitsrisiken sind sozial ungleich verteilt! Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) v.5.4.2020

Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Hedwig Francois-Kettner u.a.: Datenbasis verbessern - Prävention gezielt weiterentwickeln - Bürgerrechte wahren

Bundesinnenministerium: Strategiepapier "Wie wir Covid-19 unter Kontrolle bringen" (Internes Papier, u.a. veröffentlicht auf www.fragdenstaat.de)

Dr. med Christian Schubert: Psychoneuroimmunologie und Infektanfälligkeit

Beitrag im Online-Magazin "Perspective Daily "Corona-Virus - warum du jetzt handeln musst" mit gut aufbereiteten Grafiken und Kommentaren / Übersetzung eines Beitrages von Toma Pueyo

Ergänzung zum Beitrag von Tomas Pueyo: Coronavirus - "Der Hammer und der Tanz"

Informationen zum Thema Bedeutung eines ausbillanzierten Immunsystems findet man im Podcast "Tonspur Wissen", einer Gemeinschaftsproduktion von t-online.de und der Leibniz Gemeinschaft.

Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin zeigt auf, wie relativ unser Wissen gegenwärtig ist und wie wir alle lernen müssen, mit der Natur ins Reine zu kommen: "Covid-19 - Wo ist die Evidenz?"

Stellungnahme der Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften: „Coronavirus-Pandemie in Deutschland"

 

Das Virus, die Menschen und das Leben
Die Corona Krise, die Medizin, das Sterben und unser Gemeinwesen.
Ellis Huber, 16.07.2020   

Deutsche Touristen feiern hemmungslos auf Mallorca. Corona Regeln sind den Ballermännern wurscht. Das Gastland Spanien reagiert entsetzt. In Florida, Texas, Arizona und Kalifornien steigen die Infektionszahlen. Die Krankenhäuser laufen voll. Weltweit verbreitet sich das Corona Virus weiter, die Vereinigten Staaten von Amerika, Brasilien, Indien und Südafrika verzeichnen die stärksten Zuwachsraten an Covid-19 Erkrankungen. Das Virus entlarvt politische Selbstgerechtigkeit und Hilflosigkeit ebenso wie soziale Verwahrlosung und egoistisches Gebaren.     

Die Menschenrechtsorganisation „Global Citizen“ und die Europäische Kommission mobilisieren mit vereinten Kräften für eine bessere Welt. Pop meets Policy und die deutsche EU-Rats-Präsidentschaft wird mit viel Hoffnung verbunden. „Global Citizen“ kämpft gegen die Armut, für Gleichberechtigung und sichere Lebensmittel, setzt sich für Bildung, Umweltschutz, Gesundheit, sauberes Wasser und sozialhygienische Versorgungsleistungen ein (https://www.globalcitizen.org/). Die Verwirklichung aller 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sind das umfassende Anliegen der weltweiten Bürgerbewegung. Stars wie Shakira, Coldplay, Justin Bieber, Miley Cyrus, Jennifer Hudson oder "The Rock" engagieren sich. Naomi Campbell meint, dass COVID-19 die Unebenheiten in unseren sozialen Systemen offengelegt habe.

Das Corona Virus wirkt als "Weckruf an die Menschheit“ und fordert eine Wirtschaft und Politik ein, die mit Menschen und der Natur achtsam umgeht und Ehrfurcht vor dem Leben zeigt. Corona sei „eine Prüfung unserer Menschlichkeit“ sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Europa kann tatsächlich Zeichen setzen und dafür sorgen, dass die globalen Gefahren durch Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger bewältigt, soziale Ungleichheit minimiert und die Lebensgrundlagen weltweit geschützt werden. Das ist die einmalige Chance der Corona Pandemie. Die Gesundheitswirtschaft muss die Wunden heilen, die ein entfesselter Turbokapitalismus schlägt und das Gesundheitswesen ist der Schlüssel für eine wirklich bessere Welt.

Das sind die Inhalte meiner aktuellen Analyse:

1. Die gegenwärtige Lage
1.1 Reinventing Politics: die Neuorientierung gesellschaftlicher Organisationsweisen
1.2 Regionalisierung und bürgerschaftliche Selbstorganisation
1.3 Das Corona Virus, die tägliche Datenflut und die Angst der Menschen
1.4 Corona und das Sterben in der Welt
1.5 Corona und das Sterben in Deutschland

2. Ausblick: Pandemien kommen und gehen
2.1 Viren gehören zum Leben
2.2 Die weitere Entwicklung der Corona Pandemie
2.3 Soziale Gesundheit und Lebenswelten
2.4 Gesellschaftliche Entwicklungen durch die Corona Krise

3. Die Lehren der Corona Pandemie
3.1 Die Prüfung unserer Menschlichkeit
3.2 Das Virus und die gesunde Gesellschaft 
3.3 Das Gesundheitswesen zwischen Ethik und Monetik
3.4 Gemeinwohlökonomie und Gesunde Marktwirtschaft

1. Die gegenwärtige Lage

Die Zahl der weltweit registrierten Infektionen mit dem Coronavirus liegt bei dreizehneinhalb Millionen. An die 600.000 Menschen sind im Zusammenhang mit der Covid-19 Krankheit gestorben. Über siebeneinhalb Millionen infizierte Menschen sind wieder gesund. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfasst zurzeit über 200.000 neue Infektionen täglich, mehr als je zuvor. Wir erleben global eine gravierende Seuche, weltweit so tödlich wie Malaria, HIV oder die Tuberkulose. Europa hat die Pandemie besonders hart getroffen. Hier werden bald 2,8 Millionen Infektionen und über 200.000 Todesfälle registriert. In den USA sind 137.000 Menschen mit Covid-19 gestorben. Am stärksten von der Pandemie betroffen sind nach den USA, Brasilien mit 75.000, Großbritannien mit 45.000. Mexiko mit 37.000 und Italien mit 35.000 gemeldeten Todesfällen.

Deutschland meldet über 200.000 Infektionen und 9.100 Todesfälle durch das Sars-CoV-2 Virus. Global steigen die Infektionsraten und Todesfälle weiter an. In vielen Ländern geht die tödliche Wirkung des Virus aber deutlich zurück. Die Zahl der täglichen Todesfälle hatte weltweit am 17. April mit 8.429 die Spitze überschritten. Jetzt sterben täglich um die 4.000 bis 6.000 Menschen an den Corona Folgen. Es sind wieder mehr geworden. Der innergesellschaftliche Frieden ist überall und ganz besonders in den westlichen Staaten bedroht. Das Corona Virus legt die Probleme der Welt, der Gesellschaften und der Wirtschaftskulturen offen und mahnt ein grundlegendes Umdenken an.

"The Rock", der Schauspieler Dwayne Johnson, sagt für die „Global Citizen“ Community: „Dieser kritische Moment in der Geschichte verlangt von uns allen, zusammenzuhalten und eine bessere Zukunft für alle zu schaffen". Corona mahne uns, die globale Gemeinschaft zu stärken, einen gerechten Zugang zu Gesundheitsversorgung für Alle durchzusetzen und gegen die enormen Ungerechtigkeiten in unserer Welt zu kämpfen. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, sieht eine „Einheit von Bürgern, Regierungen, Philanthropen, Gesundheitsorganisationen und Wirtschaftsführern“. Europa werde sich auf lange Sicht für eine faire und gerechte Welt einsetzen. Es bleibt offen, ob den hehren Worten der mächtigen, berühmten und reichen Persönlichkeiten wirkliche Taten folgen.

Es ist allen Menschen deutlich bewusster geworden, wie wichtig soziale und pädagogische Berufe, Krankenschwestern und Krankenpfleger oder Erzieherinnen und Erzieher für das gesellschaftliche Leben sind und dass Gesundheit wichtiger sein muss, als monetäre Profitinteressen. Die jungen Leute gingen gerne in Care-Berufe, wenn die Arbeitsbedingungen und Bezahlungen angemessen wären. Der Wert gesellschaftlich unverzichtbarer Arbeit muss realpolitisch sichtbar werden. Den „Heldinnen und Helden des Alltags“ nach Sozialminister Hubertus Heil werden wir mit Händeklatschen und guten Worten nicht gerecht.  

In Deutschland wie in Europa ist jetzt die Post Corona Zeit angebrochen, das Virus verbreitet sich weiter unter uns und es wird auf Dauer bleiben. "Wir müssen sehr aufpassen, dass der Ballermann nicht ein zweites Ischgl wird", klagt der Bundesgesundheitsminister und thematisiert so auch den Unverstand vieler Leute, die vorhandene Gefahren einfach negieren und zur Rechtfertigung irrationale Verschwörungstheorien bemühen. Der Wagemut von Jugendlichen oder feiersüchtige und betrunkene Leute aus dem Volk sind ein kleineres Problem. Lokale Infektionsherde und Ausbrüche gehen mehr mit sozialer Benachteiligung einher. Große Familien in zu kleinen Wohnungen oder „Gastarbeiter“ unter desolaten Arbeitsbedingungen und engen Beherbergungszimmern sind gefährdet, einsame Alte und chronisch Kranke, Menschen im Stress und mit reduziertem Immunsystem. Die sozialen Verhältnisse von Armut und Verwahrlosung bestimmen das Krankheitsgeschehen bei Corona. Weltweit machen prekäre Verhältnisse und soziale Ausgrenzung die Covid-19 Krankheit schlimmer. Das ist ein übliches Erfahrungsmuster für Pandemien, heute wie vor 200 Jahren, als die Tuberkulose oder die Cholera das Feld beherrschten. Die medizinischen Antworten sind immer noch gleich: Abstand halten, Quarantäne, Schutzmasken, Hände waschen, allgemeine Hygiene und die Hoffnung auf Medikamente und Impfungen. Die Corona Krise richtet ihren Spiegel auf die Spaltungen und Widersprüche der Gesellschaften. Nur die Corona-App ist neu! Sie lässt Ansteckungsgefahren reduzieren und überzeugt auch kritische Datenschützer. Täglich kommen die Daten aus aller Welt durch die Medien über die Leute. Das Virus bestimmt unseren Alltag mehr als alles andere.

Die Flut der Corona Zahlen gibt jedoch kein realistisches Abbild der wirklichen Gefahren. Die einzigen, einigermaßen verlässlichen Zahlen zur Bedrohungslage sind die Todesfälle pro 100.000 Einwohner und ein Vergleich mit den sonstigen Todesfällen durch andere Ursachen: In Deutschland sterben jährlich 1.160 Menschen auf 100.000 Einwohner. Corona verursachte bisher 11 Todesfälle pro 100.000, also weniger als ein Prozent. In Italien kommen auf 1.030 Tote insgesamt 58 Corona Todesfälle, in Frankreich beträgt das Verhältnis 930 zu 45, in den USA 820 zu 42, in der Türkei 600 zu 7, in Schweden 910 zu 55, Spanien 910 zu 61, Großbritannien 930 zu 68 und in Belgien 970 zu 86. Der Anteil des Sterbens durch Corona liegt also zwischen einem und neun Prozent der normalen Sterblichkeit. Täglich sterben in der Welt 160.000 und in Europa 15.000 Menschen. Das wirklich große Sterben hat also ganz andere Gründe. Und dieses wirkliche Sterben wird gerne verdrängt und vergessen.

In all den Wirren und Irren der Corona Krise sind die Wissenschaft und Wissenschaftler Ruhepunkt und Wegweiser zugleich. Hier entstehen neue Einflusskräfte für die gesellschaftliche Entwicklung, die auch neue Qualitäten aufzeigen: Offenheit, Kooperationsgeist, Diskursfreude, soziale Verantwortlichkeit und unkonventioneller Mut. Beispielhaft für viele stehen dafür die Virologinen Ilaria Capua aus Italien, die mit der Geheimniskrämerei der Privilegierten aufräumte und Karin Mölling aus der Schweiz, die Selbstkritik und Redlichkeit als eine wissenschaftliche Grundhaltung dokumentiert. Die heute weltweit kooperierende und sich austauschende Wissenschaftlercommunity mit ihrer produktiven Forschung erarbeitete schneller als je zuvor ein besseres Verständnis des Infektionsgeschehens mit Sars-CoV-2 und den Covid-19 Krankheiten. Unabhängigkeit von politischen wie wirtschaftlichen Interessen beweisen Wissenschaftler von China bis Amerika in beeindruckender Weise. Sie dienen der Gesundheit der Menschen und haben keine Scheu, gegen politische oder wirtschaftliche Interessen aufzutreten. Wissenschaft in Sozialer Verantwortung ist durch die Corona Krise stärker geworden.

Jetzt müssen die Menschen und Gesellschaften mit Corona leben. Das beinhaltet vielfältige Lern- und Lehrprozesse. Wo Machtpolitik regiert und eitle Männer sich produzieren, scheint das Virus stärker, wo Frauen die Regierung führen und ihre Werte durchsetzen, wirkt Corona schwächer. Es gibt keine gleichförmige Ausbreitung der Erkrankungen. In Deutschland wie überall müssen jetzt lokale Ausbrüche und gruppenzentrierte Gefahrenquellen der Covid-19 Krankheit bewältigt werden. Mit einer nennenswerten zweiten Corona-Welle wird weniger gerechnet, wohl aber mit überraschenden, auch bedrohlichen Ereignissen und zahlreichen Infektionen durch lokale Hotspots. Großveranstaltungen, laute Treffen mit Schrei und Gesang oder enge Räume mit nahen Kontakten verbreiten das Virus. Vor allem verwahrloste Verhältnisse oder prekäre Lebenswelten sind gefährlich. Soziale Determinanten, Umweltverhältnisse oder Armut schwächen individuelle und kollektive Immunsysteme gleichermaßen. Zu den sozialen Determinanten zählen auch fehlende Bildung und kollektive Rücksichtslosigkeit. Die Beziehung zwischen Individuum und Sozialen Bindungen ist ein Thema.

Die Corona-Warn-App kann helfen, Ansteckungsgefahren zu reduzieren. Das Risiko für den Einzelnen ist minimal, die Chance für die Gesellschaft groß: https://www.sueddeutsche.de/digital/corona-app-tracing-app-1.4932895. Die App sei das erste große, öffentlich finanzierte Open Source Projekt in Deutschland, sagt der Chaos Computer Club. Das ist eine gesellschaftspolitische Anerkennung von unten. Das App unterstützt die bürgerschaftliche Selbstorganisation zur Bewältigung von Lebensrisiken und setzt auch ein Zeichen: Informationstechnologie fördert die Gesundheit, wenn sie die Handlungsfähigkeit der einzelnen Menschen stärkt. Schon 16 Millionen Bürgerinnen und Bürger, also knapp 20% der Bevölkerung machen mit. Die Akzeptanz der Technologie hängt vor allem von zwei Kriterien ab: Datensicherheit und Freiwilligkeit. Deutschland ist nicht China und Freiheit geht in Europa mit sozialer Verantwortlichkeit einher. Die Entwicklung und Nutzung der Corona Warn App ist ein prägnantes Beispiel für „Reinventing Politics“, einer neuen Haltung und lebensnahen Organisationsweise der Politik.

1.1 Reinventing Politics: die Neuorientierung gesellschaftlicher Organisationsweisen

Der bundesweite Regelungsrahmen gegen das Corona Virus setzt auf dezentrale und subsidiäre Maßnahmen. Sie werden auf Länderebene und konkret auf der lokalen Ebene der Landkreise, der kreisfreien Städte und der Gesundheitsämter umgesetzt. Die dezentrale Selbstorganisation mit einer bundesweiten Koordination hat sich durchgesetzt. Eine führende Rolle in der Bekämpfung der Pandemie übernimmt der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD). Regionale und flexible Umgangsweisen mit den Gefahren bearbeiten vor Ort die jeweils anfallenden Probleme. Das ist eine lebensnahe Strategie, die innovative Lösungen ermöglicht und die soziale Gemeinschaft als lebendigen Organismus respektiert: Reinventing Politics. Dezentrale Autonomie und weniger zentralistische Herrschaftsansprüche erweisen sich als eine gesündere gesellschaftliche Organisationskultur. 

Wir erleben lernende Sozialgemeinden, populäre und verantwortungsbewusste Wissenschaftler und umfassend engagierte und interessierte Bürger*innen. Die politischen Führungseliten lernen auch und Umweltminister Gerd Müller oder Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier artikulieren eine Zeitenwende für neue gesellschaftliche Strukturen wie Kulturen. Dem Gesundheitswesen kommt dabei eine zentrale wirtschaftliche Bedeutung zu. Die beteiligten Akteure sollten den Wert ihres Handelns erkennen und ihre soziale Bedeutung begreifen. Haushaltsnahe, lebenspraktische und personenbezogene Dienstleistungen bilden die größten Anteile einer florierenden Volkswirtschaft. Nicht die großen Konzerne, die kreativen Kleinunternehmer und die mittelständischen Betriebe stabilisieren ein gesundes wirtschaftliches Leben.   

Die Staatsgewalt darf den Bürger*innen mehr vertrauen als viele Politiker glauben wollen. Verbote und Kontrollen können durch Gebote und akzeptierte Regeln ersetzt werden. Auch das ist Ausdruck der Gesundheit des Sozialen in Deutschland trotz der Gewalt in Stuttgart oder in der Fleischindustrie. Das Vertrauen der Menschen in ihr Gesundheitswesen ist gewachsen und die Bedeutung von Medizin und Pflege sind Allen bewusster geworden. Reinventing Politics beschreibt ein innovatives Führungsverständnis, das soziale Netzwerke mit Sinn und Zielen orientiert und bestimmende Machthierarchien oder zentral entscheidende Autoritäten, also eine Regierung von oben, weniger wichtig nimmt. Nicht die großen Agglomerate, die Lebendigkeit, Kreativität und Flexibilität der kleinen Teams, der mittelständischen Unternehmen und der sozialen Gemeinschaften sind der Motor für wirtschaftliches und kulturelles Wachstum. Das Gemeinwesen ist ein lebendiger Organismus, keine Megamaschine, ein Netzwerk, kein Räderwerk.  

Dezentrale Autonomie in sozialer Verantwortung oder die Selbstorganisation der Menschen im Interesse des Gemeinwohls beschreiben den neuen Horizont der gesellschaftlichen Formierung: mehr Demokratie und ein dienender Staat. Ein Konjunkturprogramm, das Leben verbessert und die Produktivität aller Menschen stärkt, sollte nicht Konsum und Kaufrausch ankurbeln, sondern Bildung und Organisationsentwicklung, Kompetenzen und Durchblick schaffen und Zuversicht in die bürgerschaftliche Selbstorganisation vermitteln. Die Gesundheitswirtschaft stellt gegenwärtig sechs Millionen Arbeitsplätze bereit, die Automobilindustrie nur 800.000. Gesellschaftlich systemrelevant ist also die Gesundheit und nicht das Auto. Zu viele Politiker sehen das noch nicht. Das Deutsche Gesundheitssystem kann wirtschaftlich zu einem „globalen Exportwunder“ auswachsen. Und: Bei der Gesundheitssystementwicklung sind die USA nicht führend.

„Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft gehören zu den Gewinnern der Pandemie“, berichtet das Handelsblatt: „Sie bauen mit enormen finanziellen Ressourcen ihre Macht in einer Zeit aus, in der Unternehmen in vielen Ländern große Schwierigkeiten haben.“ Big Tech würde am Ende der Krise noch größer und mächtiger sein. Gesundheit ist jedoch komplexer und gesundes Leben beseelter und kreativer als künstliche Intelligenz. Daher sind soziale Gesundheitssysteme eine Herausforderung, die weit über die Möglichkeiten der Digitalisierung hinausweisen. Die Mittel der Kommunikationstechnologie liefern keinen Sinn, kein Mitgefühl, keine Seele und keine Lebendigkeit. Die Kunst der Gesundheitsförderung zielt auf gesündere Menschen in gesünderen Gesellschaften und in einer besseren Welt. Das ist die Herausforderung für Europa und die Gesundheitswirtschaft. Sie kann zur Quelle für nachhaltige Entwicklung werden, wenn wir die Lehren aus der Corona Krise ernst nehmen. Deutschland ist da besonders gut aufgestellt und sollte die Chance nutzen.  

1.2 Regionalisierung und bürgerschaftliche Selbstorganisation

Die Corona Herausforderung führt europaweit zu föderalen Organisationskulturen und zu einem veränderten Verhältnis von regionaler Selbstverwaltung und zentraler Staatsmacht. Auch Frankreich, Spanien und die anderen europäischen Staaten folgen beim Neustart des sozialen Lebens einem System, das zwischen unterschiedlich betroffenen Regionen unterscheidet, also dezentrale Umgangsweisen mit der Pandemie forciert. Es gibt grüne Regionen mit beherrschbarem Infektionsgeschehen und rote Gebiete mit starken Einschränkungen. Die Behörden in Frankreich verwenden eine farbige Landkarte für jedes der 101 Départements. Frankreich hat auch eine Corona-Warn-App mit dem Namen "StopCovid" herausgebracht. Die App Technologien schwanken zwischen zentralistischen Kontrollverfahren und Selbstorganisation der Bürgerschaften. Die deutsche Lösung ist besonders freiheitlich und überzeugend.

Europaweit entwickeln sich also übereinstimmende Organisationsweisen von Kontakt und Begegnung mit einer transparenten Risikokommunikation. Entscheidend dafür sind sichere Testverfahren und Erkenntnisse über Infektionsquoten von Regionen und Gruppen und ein verlässliches Risiko Monitoring durch Messungen des individuellen wie des sozialen Immunitätsstatus. Das ist technologisch gut möglich. Es wird wahrscheinlich einen Corona Atlas, also eine Europakarte mit grünen, gelben und roten Regionen geben. Auch Großbritanniens verwendet ein vergleichbares Warnsystem, das mit Farbcodes von grün bis rot das Corona-Risiko der Regionen abbildet. Berlin hat ebenfalls ein Ampelsystem eingeführt, das die Reproduktionszahl, die Neuinfektionen pro Woche und den Anteil der Covid-19 Plätze auf Intensivstationen zu einem Ordnungsmuster verbindet.

Beispielhaft und ansprechend ist die Informationstechnologie der Complexity Science Hub Vienna (CSH). CSH ist ein Verein zur wissenschaftlichen Erforschung komplexer Systeme mit Sitz in Wien. Die CSH Corona Ampel liefert für alle Bürger*innen transparente und faktenbasierte Grundlagen: https://csh.ac.at/covid19/corona-ampel/. Das Gesundheitswesen kann für evidenzbasierte Entscheidungen den CSH Health Care Info Point nutzen: https://csh.ac.at/covid19/healthcare/. Der CSH COVID19 Info Point stellt der Öffentlichkeit einen gut aufbereiteten Überblick zum gesamten Corona Geschehen zur Verfügung: https://csh.ac.at/covid19/. Das Beispiel der CSH Kommunikationsmedien verdeutlicht, wie Wissenschaft, Forschung, Medizin und Gesundheitsversorgung mit den Instrumenten der Kommunikationstechnologie eine Kooperationskultur verwirklichen, die für Politik und Zivilgesellschaft neue Handlungskompetenzen auf einer gesicherten Datengrundlage eröffnen.  

Deutschland und Österreich haben ein Gesundheitssystem, das der Corona Aufgabe gewachsen war und einen politischen Konsens, der die Bevölkerung zusammenführte und nicht spaltete. Das ist hier wie in Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark oder der Schweiz eine heilsame Ressource. In Belgien, Italien, Frankreich, Spanien oder Großbritannien und vor allem in den USA oder Brasilien verursachen gespaltene und zerstrittene gesellschaftliche Verhältnisse psychosozialen Stress und zusätzliche Angst. Das scheint unter den sozialen Komponenten der Corona Wirkung von besonderer Bedeutung zu sein.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt und zwischenmenschliche Solidarität erhöhen offensichtlich die kollektive Resilienz ebenso wie die individuelle. Das belegen die Erkenntnisse der Gesundheitswissenschaften, der Psychoneuroimmunologie (PNI) oder der psychosomatischen Medizin. Das kooperative und sozial verantwortliche Verhalten der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland hat bereits vor den staatlichen Maßnahmen die Ansteckungsdynamik deutlich abgeschwächt. Die Reproduktionszahl sank im März schon ohne staatlichen Zwang. Reinventing Politics, das Verständnis von Gesellschaft als hochkomplexer und lebendiger Organismus stellt eine der zentralen Lehren der Corona Pandemie dar, die auf andere Probleme wie Armut, Migration oder Klimawandel übertragbar ist. Eine neuartige gesellschaftliche Organisationskultur von Transparenz und Kompetenz wird sichtbar. 

1.3 Das Corona Virus, die tägliche Datenflut und die Angst der Menschen

Das SARS-CoV-2 Virus beschäftigt weltweit 188 von 194 Ländern. Viele Menschen sind verängstigt und verunsichert. Selektiv sortierte Fakten und tausend Halbwahrheiten ziehen durch die sozialen Medien. Daten überfluten die Menschen. Die täglichen Todeszahlen und Infektionsraten verbreiten eine Bedrohlichkeit, die mit der Realität nicht übereinstimmt. Im Angstmodus folgt die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger folgsam den staatlichen Vorgaben und wissenschaftlichen Empfehlungen. Schon immer haben sich Menschen komplexe Ereignisse auch durch einfache Wahrheiten erklärt. Unerklärliche Notlagen machen starke Führer und Verschwörungstheorien gleichermaßen verführerisch. Als die Pest wütete, war das so und als die Spanische Grippe oder die Weltwirtschaftskrise Tod und Elend produzierten. Vogelgrippe, Schweinegrippe, Aids, Ebola oder jetzt Corona machen den Menschen Angst. Die aufgeklärten Gesellschaften handeln im Umgang mit der Corona Pandemie wenig rational. Wissenschaft und Forschung bewirken auch keine Wunder. Die Welt ist komplex und noch so viele Daten liefern keine Sicherheit. Die öffentliche Kommunikation zur Corona Pandemie produziert eine gesellschaftliche Dynamik, die zwischen realer Gefahr und irrationalen Gefühlen hin und her wankt. Ängste steigen auf, das Vertrauen in die gesellschaftlichen Verhältnisse nimmt ab. Diese Soziodynamik beschreibt die wirkliche Herausforderung für die Gesundheit der Menschen und der Gemeinwesen.

Die italienische Virologin Ilaria Capua bringt es auf den Punkt: „SARS-CoV-2 ist an sich kein Killervirus. Aber es ist ein Stresstest für unser ganzes System. Für das Gesundheitswesen. Die Wirtschaft. Sogar für Familien. […] Es hat vor allem große, reiche Städte erwischt. Mailand. Madrid. New York. Warum? Nicht nur, weil dort viele Menschen auf engem Raum leben und es etwa einen guten, stark frequentierten Nahverkehr gibt. Sondern auch, weil sich das Gesundheitssystem dort in den vergangenen Jahrzehnten so entwickelt hat, dass es kollabieren musste. In der Lombardei hatte sich die Regionalregierung entschieden, in Hightech-Medizin zu investieren, sich auf solvente Patienten zu spezialisieren. Das hilft dir wenig, wenn eine Pandemie kommt. Du brauchst dann auch einfache Krankenhäuser im Umland und Ärzte, die zu den Leuten kommen, damit nicht alle in die Kliniken strömen. […] Dieses Virus ist gefährlich, weil es sehr leicht zu übertragen ist. Nicht, weil es besonders pathogen, also krankheitserregend wäre. Es ist für mich vor allem eine Krankheit unserer Lebensweise. Deswegen müssen wir auch über unser Wirtschaftssystem reden“ (In: Covid-19 ist vor allem ein Problem unserer Lebensweise, SZ-Magazin, Heft 23/2020 vom 4. Juni).

Viele Medienkanäle verbreiten täglich die Zahlen der Infizierten, der Erkrankten, der Verstorbenen und der wieder genesenen Personen. Den allseits benutzten Überblick liefert beinahe in Echtzeit die John Hopkins University auf ihrer Homepage: https://coronavirus.jhu.edu/map.html. In Deutschland benutzen alle großen Zeitungen und Fernsehsender diese Quelle. Einen spannenden Überblick zur Problemlandschaft vermittelt auch das „Worldometer“, die Homepage eines internationalen Netzwerkes von Wissenschaftler*Innen mit dem Ziel, die Daten der Welt allgemein verfügbar zu machen: https://www.worldometers.info/coronavirus/. Keine andere schlimme Krankheit wird vergleichbar aufbereitet und in täglichen Meldungen als Bedrohungssignal aufsummiert wie Covid-19. Diese Risikokommunikation dramatisiert das Geschehen und dadurch entsteht der Eindruck, dass Tod und Sterben beinahe ausschließlich durch das Corona Virus geprägt werden. Eine Einordnung in das normale Sterbegeschehen auf der Welt und in den einzelnen Ländern wird nicht gemacht. 

Diese Kommunikationspolitik ist wenig sinnvoll und ein Grund für Angst, Panik und hysterische Reaktionsweisen. Die Menschen fürchten um ihr Leben und die Bilder von überfüllten Krankenhäusern, militärischen Leichentransporten oder Massengräbern bestätigen sie in ihrer Todesangst. Der Kampf gegen das Corona Virus wird mit „Leben retten“ und „Überleben wollen“ gleichgesetzt. Die gesellschaftliche Dynamik fokussiert auf das Virus, andere Todesgefahren und Probleme geraten aus dem Blick. Kritische Stimmen und skeptische Wissenschaftler finden kein Gehör mehr, eine offene Diskussion wird unmöglich. Die Hoffnungen auf schnelle Impfungen oder wundersame Arzneimittel sollen nun die Angst bannen, Verschwörungstheorien versuchen die drängenden Gefühle zu erklären, Politiker werden als Retter und Schuldige auf die Bühne geschoben, bejubelt oder angeklagt. Der Wust von Zahlen verwirrt. Informationen, die Halt und Vertrauen vermitteln, kommen zu kurz. Und jetzt sind viele Menschen eher enttäuscht als glücklich, dass die angekündigte Katastrophe nicht gekommen ist.      

Das Corona Virus Sars-CoV-2 ist nicht neu, sondern nur eine neue, besonders gefährdende Variante bereits bekannter Gefahren, die von Viren und anderen Krankheitserregern ausgehen. Das Sars-CoV-2 Virus und die Covid-19 Krankheit verursachen ein typisches Infektionsgeschehen mit außerordentlich schweren gesundheitlichen Folgen, aber keine einzigartige und bisher nicht vorhandene Todesgefahr. Der Umgang mit Seuchen und Pandemien gehört zum historisch erworbenen Erfahrungsgut der Medizin und der Gemeinwesen. Mediziner und Epidemiologen wissen, dass im regelmäßigen Turnus neue Pandemien kommen.

1.4 Corona und das Sterben in der Welt

Weltweit sterben jährlich 56 bis 59 Millionen Menschen. Bis zum 16. Juli 2020 verzeichnet die „Worldometer“ Statistik über 32 Millionen Tote. Das sind etwa 160.000 Todesfälle jeden Tag. Der jetzige Anteil von 600.000 Corona Todesfällen verursacht also knapp zwei Prozent des gesamten Sterbens in der Welt. Die Gesamtzahl der weltweit verzeichneten Corona Toten hat bis jetzt etwa die Zahl der weltweit „normalen“ Todesfälle von vier Tagen erreicht. Es ist zweifelsohne mit einer weiteren Steigerung von Corona Todesfällen zu rechnen. Zehnmal mehr Corona Tote oder sechs Millionen in diesem Jahr, wären dabei noch kein außerordentlich beunruhigender Faktor. Der Anteil betrüge dann noch nicht 10 Prozent der Todesursachen. Bis heute sind in diesem Jahr schon 4,5 Millionen Menschen an Krebs, 580.000 durch Selbstmord oder 7,0 Millionen an ansteckenden Krankheiten wie Aids, Malaria oder Tuberkulose gestorben. 900.000 Tote hat bisher das HIV-Virus mit sich gebracht (https://www.worldometers.info/).   

In Europa mit seinen 513 Millionen Einwohnern erleiden jährlich 5,5 Millionen Menschen oder täglich etwa 15.000 Personen ihren Tod. Jeden Tag sterben ohne größeres Aufsehen etwa 1.700 Menschen an Herzkrankheiten, 750 an Lungenkrebs, 520 an Demenz, 480 an Krankheiten der unteren Atemwege und 360 an einer Lungenentzündung. 130.000 Menschen sterben jährlich an eine Pneumonie. Bis heute hat die Covid-19 Krankheit etwa 203.000 Todesfälle verursacht: (https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit/).

An Lungenkrebs und weiteren Krankheiten des Atemsystems sterben in Europa jährlich etwa 600.000 Menschen. Covid-19 ist also noch nicht die vorherrschende Todesursache für das Sterben an Krankheiten des Atemsystems. Der Anteil der Corona Todesfälle am Sterben in Europa liegt gegenwärtig bei 3,6 Prozent. Eine Verdoppelung der Sterbefälle würde im „normalen“ Sterben sichtbar werden, aber keine wirkliche Katastrophe bedeuten. Wir müssen sicherlich noch einige Monate mit europaweit steigenden Zahlen rechnen und es ist bereits deutlich, dass die Corona Pandemie in Europa an die schwersten Grippe Pandemien der letzten 50 Jahre heranreichen wird. In Europa verursachte dann das Corona Virus 6-7 Prozent der jährlichen Todesfälle.

In Italien, wo jährlich etwa 630.000 Menschen sterben, hat Covid-19 bisher 35.000 Todesfälle verursacht, davon fast ein Drittel in der Lombardei. Das sind nur 5,6 Prozent der jährlichen Todesfälle. In Spanien sterben jährlich 420.000 Menschen. Der Anteil von 28.500 Covid-19 Todesfällen sind 6,8 Prozent. Frankreich verzeichnet jährlich 610.000 Todesfälle. Corona verursacht mit 30.000 Todesfällen etwa 4,9 Prozent des jährlichen Sterbens. Großbritannien meldet um die 616.000 jährliche Todesfälle. Das Corona Sterben mit 45.000 Toten liegt anteilig bei 7,3 Prozent. In den USA sterben pro Jahr etwa 2.720.000 Personen. Die Todesfälle mit Corona liegen bei 137.000, als bei 5,0 Prozent (alle Daten gerundet vom 16.7.2020, 07.00 Uhr). Es ist bedenkenswert: Der jeweils erste nationale Corona-Fall trat in den USA und in Südkorea am 19. Januar 2020, also am gleichen Tag auf. Südkorea verzeichnet seitdem nur 289 Todesfälle.

In allen europäischen Ländern gehen die täglichen Infektions- und Todeszahlen zurück. Der Europäische Sterblichkeitsbericht des EuroMOMO Projektes, an dem sich 24 Länder beteiligen, verzeichnete bis zum 3. Mai eine Übersterblichkeit in Belgien, Frankreich, Italien, Niederlande, Spanien, Schweden, Schweiz und bis zum 10. Mai noch in Großbritannien. Jetzt, in der 24. Kalenderwoche gibt es keine Übersterblichkeit mehr. Der bisher in den vorhergehenden Kalenderwochen verzeichnete Anstieg hat den Gipfel bereits im April in der 14. und 15. Kalenderwoche überschritten. Die Spitzenwerte lagen deutlich über den Anstiegen früherer Grippewellen. In den anderen Ländern, auch in Deutschland, ist insgesamt keine erhöhte Sterblichkeit zu erkennen (https://www.euromomo.eu/). Die jährlichen Grippewellen verursachen in Europa etwa 15.000-20.000 zusätzliche Todesfälle in der Spitze. In der 14. Woche 2020 sind ca. 30.000 zusätzliche Todesfälle zu verzeichnen. Corona wäre bei diesem Maßstab für Europa also etwa doppelt so tödlich wie die durchschnittlichen Grippewellen.

1.5 Corona und das Sterben in Deutschland

Deutschland verzeichnet über 950.000 Todesfälle pro Jahr. Das sind dann 1.160 pro 100.000 Einwohner. Jeden Tag sterben etwa 2.600 Menschen, davon 930 Personen durch Herz-Kreislauferkrankungen, 650 durch Krebs und 190 an Krankheiten des Atmungssystems. Von Dezember bis März, also in den kalten Jahreszeiten sind es durchschnittlich etwas mehr Todesfälle, im Sommer weniger.

Seit Oktober 2019 bis heute sind in Deutschland schätzungsweise 4.500 Menschen frühzeitig gestorben, weil noch die Grippe dazu kam. In der Grippesaison 2017/18 waren es über 25.000 Todesfälle. Vor diesem Hintergrund liegen 9.100 Todesfälle insgesamt oder 11 auf 100.000 Einwohner durch das Corona Virus im Rahmen des allgemeinen Sterbegeschehens. Ausgelöst durch Bakterien und Viren erkranken täglich 1.500 bis 1.900 Menschen an einer Lungenentzündung. Die Diagnose lautet: Pneumonie. Etwa 800 betroffene Patienten kommen damit in ein Krankenhaus und für 80 Personen endet die Krankheit tödlich: An Lungenentzündung sterben also in Deutschland jährlich 30.000 Bürgerinnen und Bürger.

Auch ohne Corona Infektionen ist das Krankenhaus ein Ort, in dem Bakterien, Viren und andere Mikroben Patienten infizieren, krank machen oder schädigen können. Das Robert Koch-Institut schätzt nach einer Studie aus 2019, dass es jährlich bis zu 600.000 Krankenhausinfektionen gibt. Die Zahl der durch Krankenhauskeime verursachten Todesfälle liegt danach bei 10.000 bis 20.000 pro Jahr oder 30 bis 60 pro Tag. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hält eine Million im Krankenhaus gesetzte Infektionen und mindestens 30.000 Todesfälle pro Jahr für realistisch.

Das Corona Virus verbreitet sich inzwischen mehr und mehr auch nosokomial, also im Krankenhaus und Pflegeeinrichtungen, die gut ein Drittel der Todesfälle ausmachen. Vier Risikogruppen fallen auf: hohes Alter, Multimorbidität, Ärzte und Pflegekräfte sowie lokale oder regionale Häufungen, sogenannte Hotspots. Die insgesamt in Deutschland mit Corona verstorbenen Personen sind zu 56% Männer und zu 44% Frauen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 81 Jahren. In Deutschland sind 86% der Todesfälle nach den Angaben des RKI 70 Jahre oder älter. Durch Covid-19 wird ein bereits drohender Tod vorverlegt. Es gibt bisher keine sicheren Erkenntnisse, dass Covid-19 bei gesunden Menschen tödlich ist. Es ist wahrscheinlich, dass viele Patienten mit dem Corona Virus, aber nicht durch diesen Krankheitserreger allein sterben. 

2. Der Ausblick: Pandemien kommen und gehen.

Die Corona Pandemie stellt ein globales Ereignis dar. Die gefährlichsten Infektionskrankheiten weltweit sind aber immer noch die Tuberkulose und HIV. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des RKI erkranken jährlich 10 Millionen Menschen an einer Tuberkulose, etwa 1,5 Millionen Menschen sterben daran. In Europa sind es jährlich 450.000 Infektionen und 70.000 Todesfälle. Das Corona Virus und die Covid-19 Krankheit haben in Europa jetzt die Tuberkulose deutlich überholt. Ende 2018 lebten weltweit 37,9 Millionen Menschen mit HIV und 770.000 Menschen sind dadurch gestorben. Das jährliche Sterben durch Tuberkulose oder das Aids-Virus kommt der gesundheitlichen Bedeutung des Corona Virus zum jetzigen Zeitpunkt in Europa etwa gleich. Weltweit sterben an der Tuberkulose oder an HIV aber weitaus mehr Menschen als durch Covid-19.

Die Spanische Grippe durch das Influenzavirus A/H1N1 von 1918 bis 1920 führte zu 20 bis 50 Millionen Todesfällen. Von 1957 bis 1958 hat die Asiatische Grippe mit dem Influenzavirus A/H2N2 bis zu vier Millionen Tote verursacht. In Deutschland starben 29.000 Menschen. Von 1968 bis 1970 ging die Hongkong Grippe mit dem Influenzavirus A/H3N2 ebenfalls mit vier Millionen Todesfällen einher. In Deutschland starben 30.000 Menschen. Die Russische Grippe mit dem Influenzavirus A/H1N1 tötete 1977 und 1978 weltweit 700.000 Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche. Die SARS-CoV-1 Pandemie mit einem Coronavirus von 2002 und 2003 verzeichnete aber nur 774 Todesfälle. Diese erste Pandemie des 21. Jahrhunderts war ein Medienereignis ebenso wie die Vogel-Grippe mit dem Influenzavirus A/H5N1, die von 2004 bis 2016 weltweit nur 450 Todesfälle mit sich brachte. Die Schweine-Grippe von 2009 bis 2010 verursachte nach Schätzungen 100.000 bis 400.000 Toten. In Deutschland starben dadurch 258 Menschen. Die MERS-CoV Virusgrippe 2012 bis 2013 brachte über 850 Todesfälle mit sich und die Ebola Viruskrankheit tötete von 2014 bis 2016 in Westafrika über 11.000 und 2018 im Kongo und in Uganda noch 1.600 Menschen. Es ist deutlich, dass die Corona Pandemie zu den großen Seuchen gehört, aber bei den bisherigen Erfahrungen der Seuchengeschichte kein herausgehobenes Ereignis darstellt. 

2.1 Viren gehören zum Leben

Viren kommen, sie verändern sich, Viren gehören zum Leben. Nicht alle Viren befallen den Menschen. Und nicht alle Viren, die den Menschen befallen, machen krank. Ein gesundes Immunsystem reagiert schnell und bekämpft die Eindringlinge oft mit Erfolg. Für einen Tierarzt sind Corona Viren etwas Alltägliches. Viren, die in der Natur und Tierwelt vorkommen, können die Grenze zu einem menschlichen Organismus überschreiten. Das passiert regelmäßig. So kommen dann neue Varianten bereits bekannter Viren unter die Menschen. Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist jetzt da und wird wie die Grippeviren bleiben. Seine Aggressivität ist gegenwärtig höher als die der Influenza Viren und es verbreitet sich ohne Gegenmaßnahmen außerordentlich schnell. Es ist auch tödlicher als das Virus der Schweinegrippe. Mit der Zeit und mit einer fortschreitenden Immunisierung vieler Menschen nimmt die Gefährlichkeit des neuartigen Corona Virus ab und dann ist es ein Krankheitserreger wie viele andere auch, die kommen und gehen. Es geht dabei nicht um die „Herdenimmunität“ mit hohen Durchseuchungsraten. Der abgeschwächte Verlauf von Infektionsprozessen beginnt schon sehr viel früher. Es gibt auch wirksame Immunantworten auf Organismen, die bisher unbekannt waren. 

Das Masernvirus ist so gekommen, die Kinderlähmung, Röteln, Mumps, Keuchhusten, Ebola, Aids oder die zahlreichen Influenzaviren. Die SARS- und MERS-Corona Viren sorgten 2003 und 2012 für öffentliche Aufmerksamkeit, andere Corona Viren sind nur Fachleuten bekannt und zirkulieren auch seit Jahren als Erkältungsviren in der Bevölkerung. Jedes Jahr verursachen die Grippe- und Influenzaviren weltweit zwischen 290.000 und 645.000 Todesfälle schätzt ein internationalen Forschernetzwerks unter Federführung der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC. Die österreichische Ärztezeitung (ÖÄZ2020/4) berichtet am 25.2.2020, dass die jährliche Mortalität infolge von Influenza in Europa auf etwa 45.000 Todesfälle geschätzt wird. Vor allem Kinder unter fünf Jahren und Erwachsene über 65 Jahren sind betroffen. Im Zeitraum von 1999 bis 2015 wurden 34,1 Prozent der hospitalisierten Fälle intensivmedizinisch behandelt. Die Mortalität der Krankenhauspatienten lag bei 12,1 Prozent, wobei ältere Patienten mit 18 Prozent die höchste Sterblichkeit aufwiesen. Covid-19 verursacht demgegenüber keinen höheren Anfall an Intensivmedizinischer Behandlung und keine höhere Sterblichkeit. 

Pandemien sind immer Krankheiten durch Krankheitserreger und gleichzeitig Krankheiten der gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie produzieren kollektive Ängste, verschärfen soziale Spannungen und decken Gefahren auf, die gerne verdrängt wurden. Der verdrängte Tod im Alltag der Menschen wird plötzlich sichtbar und kollektiv unbewusste Energien kommen an die Oberfläche. Das Corona Virus offenbart die Gesundheit des sozialen Bindegewebes und den Zustand von Mitmenschlichkeit in den betroffenen Gesellschaften. Neu allerdings sind die weltweite und schnelle Kooperation von Wissenschaft und Forschung, die globale Kommunikationspolitik und das gesundheitspolitische Erschrecken in den entwickelten Gesellschaften, die bisher solche tödlichen Infektionskrankheiten als weit weg eingeordnet haben. Die emotionalen und sozialen Erfahrungen mit Lockdowns und Shutdowns sind ebenfalls neu und die politische Prioritätensetzung: Gesundheitsinteressen sind wichtiger als Wirtschaftsinteressen. Das kennzeichnet eine grundlegende Weichenstellung für eine soziokulturelle Neuorientierung.  

2.2 Die weitere Entwicklung der Corona Pandemie

Das Virus SARS-CoV-2 wird nach dem jetzigen Ausbruch relativ bald in der Bevölkerung eine Basisimmunität anregen und dann immer wieder zu Erkrankungsfällen führen und in beherrschbaren Schüben auftreten. Das Virus wird nicht mehr verschwinden und auch in verschiedenen Mutationen auftauchen. Kinder und junge Erwachsene erkranken nach einer Corona Infektion kaum schwer und sind daher nicht besonders gefährdet. Wir werden künftig also ein weiteres Erkältungsvirus haben und damit so gelassen umgehen, wie mit den bisherigen Erkältungsviren vom Nicht-Influenza Typ. Am Corona Virus werden aber genauso alte, beeinträchtigte und hinfällige Menschen sterben wie an Lungenentzündungen und allgemeinem Organversagen auch bisher schon. Die Zahl der Corona Todesfälle erreicht in Deutschland dieses Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Zahl der Todesfälle durch Lungenendzündungen aus anderen Ursachen.

Nach den Erfahrungen aus den erfolgreich handelnden Ländern können konsequente öffentliche Aufklärung, schnell zugängliche und breit angelegte Messungen des Infektions- und Immunstatus der Menschen und vor allem eine bürgerschaftliche Selbstorganisation mit Verständnis für die Bedeutung des sozialen Miteinanders wirksam zur Eindämmung der Infektionsausbreitung beitragen. Der Einsatz freiwilliger Tracking Apps zur anonymisierten Warnung von Kontaktpersonen im Fall einer Infektion optimiert die Seuchenbekämpfung. Instrumente zur Selbstorganisation der Infektionsabwehr durch die betroffenen Menschen unterstützen Reinventing Politics. Die kontinuierliche Erhebung des Infektions- und Immunitätsstatus der Bevölkerung und der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen muss ebenso sichergestellt werden wie die Unterbrechung von Infektionsketten durch die infizierten Personen selbst.

Die Hoffnung auf schnelle Impferfolge oder wirksame Medikamente sind verständlich. Damit geht aber keine schnelle Lösung der Infektionsgefahren durch das Sars-CoV-2 Virus einher. Die massenhaft gekaufte Arznei „Tamiflu“ gegen die Vogel-Grippe und der teure, aber gefährliche Impfstoff „Pandemrix“ gegen die Schweine-Grippe haben auch gelehrt, dass das Geschäft mit der Angst vor Infektionskrankheiten und vorschnelle Heilsversprechen gefährlich sein können, viel Geld kosten und wenig oder gar keinen Nutzen zu stiften. Es braucht eine Medizin, die Gesundheit fördert, individuelle und soziale Resilienzen stärkt und die Gesundheitskompetenz der Menschen ausbildet. Präventive Strategien sind nachhaltig wirksamer und vernünftiger und auf Dauer auch die beste Medizin. Sie setzen auf die Bereitschaft der Menschen, den Umgang mit Krankheitserregern selbst in die Hand zu nehmen und sozial verantwortlich zu handeln. Händewaschen und Abstand halten helfen gegen Corona und Influenza-Viren. Alle etwa 200 Erreger, die Grippesymptome hervorrufen, werden dadurch wirksam bekämpft. Es hilft auch bei Magen-Darm-Viren, anderen Mikroben und bisher noch nicht bekannten Keimen, Bakterien, Viren und Krankheitserregern. Beim Corona-Virus ist der Abstand zu den Tröpfchen und Aerosolen am Wichtigsten, die mit der Atemluft von Infizierten einhergehen.

2.3 Soziale Gesundheit und Lebenswelten

Robert Koch, der Namensgeber des RKI, sagte bei seinem Nobelpreis Vortrag zum Beziehungsverhältnis von Krankheitserreger und Menschen: „Das Bakterium ist nichts, der Wirt ist Alles.“ Der Arzt und Infektiologe Louis Pasteur war der gleichen Meinung: „Die Mikrobe ist nichts, das Milieu ist alles.“ Der Sozial- und Umweltmediziner Max von Pettenkofer trank im Jahr 1892 öffentlich eine Flüssigkeit voller Cholerabazillen und blieb gesund. Er wollte zeigen, dass die Lebenswelt der Menschen für die Cholerakrankheit entscheidend sei. Und tatsächlich: Die Infektionskrankheiten wurden nicht durch die Segnungen der Medizin, sondern durch die gesellschaftliche Entwicklung gesunder Lebensverhältnisse besiegt. Pasteur, Virchow, Pettenkofer und Koch, die Helden der naturwissenschaftlichen Medizin, sorgten mit politischer und medizinischer Courage für „saubere Städte“ und gesündere Lebensräume und damit für ein neues Gleichgewicht zwischen Bakterien, Menschen und ihrem Gemeinwesen.

„Das Virus ist nichts, der individuelle Mensch ist alles“, gilt es jetzt medizinisch wie politisch zu begreifen. Das Corona Virus und die Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten stehen in einer Wechselwirkungsbeziehung. Das Virus macht nicht die Krankheit. Die Immunantwort und der Immunstatus des einzelnen Menschen sind beteiligt und die Lebenswelt schwächt oder stärkt die Kraft des Immunsystems. Das Virus spiegelt die Gefahren einer „kontaktreichen Beziehungslosigkeit“ und einer rivalisierenden wie konkurrierenden Konsumwelt von selbstbezogenen und rücksichtslosen Individuen wider, die das Geld zum einzigen Maßstab und Wert erhoben haben. Corona ist ein Menetekel, eine unheilverkündende Warnung vor einem falschen Weg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Psychosozialer Stress, Ängste, Einsamkeit oder Ausgrenzung schwächen das individuelle und erst recht auch das soziale Immunsystem. Die Bedeutung von sozialem Stress, Burnout oder Erschöpfungszuständen für die Schwächung des individuellen Immunsystems und die dadurch erhöhte Anfälligkeit für das Corona Virus wird bisher sträflich unterschätzt.

Die junge Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie belegt, dass Lebenszufriedenheit, möglichst viel positive Gefühle, gute Beziehungen, das Gefühl von Durchblick, Selbstbestimmung, Lebenssinn und Geborgenheit in der Gemeinschaft das Immunsystem stärken und unsere Abwehrkraft gegen Viren oder Bakterien verbessern. In der Krise entscheidet sich, ob die Solidarität nach innen und außen die Oberhand gewinnt oder Egoismus und Selbstgerechtigkeit obsiegen. Die soziale Immunität und Resilienz sind in den USA schlecht, in Deutschland relativ gut und das erklärt auch die unterschiedlichen Problemlagen. Offenbar besitzen der soziale Zusammenhalt und ein breites Vertrauen der Menschen in die staatlichen Organe eine hohe Gesundheitskraft und eine zerrissene Gesellschaft ist für Krankheiten anfälliger. In den USA und im Bundesstaat New York haben Afro-Amerikaner einen deutlich überproportionalen Anteil an den Covid-19 Todesfällen. 

Die sozialen Determinanten sind auch bei Covid-19 unübersehbar. Arme Menschen, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, Leute in prekären Arbeitsverhältnissen oder schlechten Wohnverhältnissen sind häufiger betroffen. Stabile soziale Bindungen und gute Bildung schützen auch vor Infektionen. Die Corona-Krise zeigt die hohe Anfälligkeit global vernetzter Systeme und unsere Abhängigkeit von anderen Menschen. Jetzt wird sich zeigen, ob unsere offene Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gemeinwohl und Individualismus hinbekommt. Es geht um ein gesundes soziales Bindegewebe. Individuelle Gesundheitskompetenz, gesunde Sozialentwicklung und ein neues menschliches Miteinander, also ein heilsames Milieu und achtsame Menschen in solidarischen Gemeinschaften sind die Stichworte für ein Gleichgewicht zwischen Viren, Menschen und ihrem Gemeinwesen. Und es braucht auch ein gesundes Gleichgewicht zwischen Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Staat. Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur kommen hinzu. Nicht Wachstum, Nachhaltigkeit ist umzusetzen und Werte, nicht das Geld, sollten Maßstab sein.

Den notwendigen Werte-Horizont für die anstehende Neuorientierung von Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beschreibt schon Albert Einstein vortrefflich. Es ist eine Handlungsanleitung unter der Einsicht einer globalen Verbundenheit von Mensch und Natur, Viren und Mikroben eingeschlossen: „So sehe ich für den Menschen, will er die Zukunft seines Geschlechtes sichern, die einzige Chance darin, dass er zwei ganz einfache Einsichten endlich praktisch beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört“

2.4 Gesellschaftliche Entwicklungen durch die Corona Krise

Die Wirkung der Corona Pandemie geht weit über das Infektionsgeschehen hinaus. Die Erfahrungen der letzten Wochen verändern gesellschaftliche Prioritäten und Orientierungen. Die neue Prioritätensetzung der Politik lautet: Die Gesundheit aller steht über den Wirtschaftsinteressen der Einzelnen. Das kündigt tatsächlich eine grundlegende Wende der Wirtschaftspolitik an, von der wir aber nicht wissen, ob sie sich nachhaltig durchsetzt. Eine „Gesunde Marktwirtschaft“ jedenfalls opfert nicht das Leben der Menschen und die natürlichen Ressourcen für kapitalistische Gewinninteressen. Nicht Geldgier und individueller Egoismus im Markt, soziale Verantwortlichkeit und humanistische Werte müssen die Märkte steuern.

Die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, appelliert an eine langfristig orientierte Politik: „Bereits bestehende globale Herausforderungen wie insbesondere der Klima- und Artenschutz verschwinden mit der Coronavirus-Krise nicht. Politische Maßnahmen sollten sich auf nationaler wie internationaler Ebene an den Prinzipen von ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit, Zukunftsverträglichkeit und Resilienz-Gewinnung orientieren.“ Das gilt ganz besonders auch für das Denken und Handeln im Gesundheitswesen. Der Wert des Gesundheitssystems zum Schutz der individuellen und der sozialen Gesundheit steht über den Wirtschaftsinteressen und die Ökonomie des Systems ist den Menschen verpflichtet und nicht dem Kapital. Nicht eine profitable, geldgesteuerte Gesundheitswirtschaft, sondern das Gesundheitswesen als soziales Immunsystem zur Abwehr der Krankheitsgefahren unter den bestehenden Verhältnissen ist das neue Gestaltungsziel.

Das SARS-CoV-2 Virus mahnt andere Sichtweisen, ein Umdenken an: in der Medizin, in der Gesundheitswirtschaft und in der Gesundheitspolitik. Die Wegscheide zwischen sozialökologischer Transformation und kapitalistischer Restauration des Gesundheitssystems nach der Corona Krise ist jetzt geöffnet. Wir entscheiden nun, welches Ziel wir anstreben.
„Wir stehen jetzt an einer Wegscheide. Schon in der Krise zeigen sich die beiden Richtungen, die wir nehmen können. Entweder jeder für sich, Ellbogen raus, hamstern und die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen? Oder bleibt das neu erwachte Engagement für den anderen und für die Gesellschaft? Bleibt die geradezu explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft?“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier formuliert so die Ambivalenz der Menschen: Ich zuerst oder alle gemeinsam, mein Land zuerst oder internationale Solidarität, individualistischer Profit oder Verantwortlichkeit für die Community, die Mächtigen bestimmen, wo es lang geht, oder alle haben Teil und bringen sich ein. Eine Ahnung geht um in Europa – die Ahnung, dass sich alles ändert und ändern muss. Corona setzt das Zeichen für die notwendige Transformation vom egoistischen Ich zum kooperativen Wir.
 
3. Die Lehren der Corona Pandemie

Als die HIV/AIDS Pandemie lief, wollten rechte Politiker die „Aussätzigen“ (Peter Gauweiler) verbannen und ausgrenzen. Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth forderte das Beschreiten "neuer Wege" im Umgang mit AIDS, um einen "neuen Werterahmen für das politische Handeln" zu setzen. Das war damals eine kleine Revolution und ein gesellschaftlicher Fortschritt. Nicht das Virus war die Bedrohung, sondern rigide Isolations- und Quarantänemaßnahmen, die soziale Spaltungen forcierten. Bewältigt wurde diese Pandemie durch die sozial verantwortliche Selbstorganisation der betroffenen Menschen, innovative Medizin und neue Versorgungskulturen. Es war ein Lehrstück für eine bessere Medizin.

Der Umgang mit Vogel- und Schweinegrippe, mit Sars-CoV-1 oder Ebola-Ausbrüchen in den vergangenen Jahren haben alle Ängste, Widersprüche und Unsicherheiten erneut hochgespült. Die Corona Pandemie produziert Bilder vom Krieg gegen das Virus, dem Kampf gegen die Killerkeime oder dem Massentod von Menschen, die von der Medizin nicht mehr gerettet werden. Viren, Bakterien und Mikroben gehören aber zur Natur und zum Leben und wir müssen lernen, mit dieser Gefahr ohne Angst umzugehen. Es können auch weitere, noch gefährlichere oder tödlichere Pandemien kommen. „Wir werden nach dieser Krise eine andere Gesellschaft sein“, meint Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Osterbotschaft: "Wir wollen keine ängstliche, keine misstrauische Gesellschaft werden. Aber wir können eine Gesellschaft sein mit mehr Vertrauen, mit mehr Rücksicht und mit mehr Zuversicht“ Die Corona-Pandemie prüfe unserer Menschlichkeit und rufe das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervor.

Das ist die Herausforderung: das vorhandene Gesundheitssystem so innovativ zu gestalten, dass es die heilsamen und nicht die zerstörenden Kräfte in der Bevölkerung pflegt und die Resilienz der Gesellschaft sicherstellt. Zwei Orientierungsfelder sind dafür besonders wichtig: die Realisierung einer ganzheitlichen Medizin und einer vernetzten Versorgung, die individuelle und soziale Gesundheitsförderung in den Lebenswelten umsetzt. Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge gehen der Frage nach, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet: „Das Corona-Virus hat uns an eine Zeitenwende gebracht. Beides ist jetzt möglich, das Strahlende und das Schreckliche.“ Es ist zweifelsohne gesund, sich für das „Strahlende“ zu entscheiden.

3.1 Die Prüfung unserer Menschlichkeit

Wir müssen, wie Frank-Walter Steinmeier fordert, das Beste unter den Menschen hervorholen und menschlicher werden. Es könnte tatsächlich gelingen, dass wir durch die Corona Krise gelehrt und ermutigt, das Gesundheitswesen in eine Gemeinwohlökonomie transformieren und die Gesundheitswirtschaft zum ansteckenden Beispiel für andere Wirtschaftsbereiche machen. Wir sind jetzt herausgefordert, diese Wege einer Heilung des Kapitalismus zu eröffnen und beispielhaft zu realisieren. Die Reaktion der Welt auf die aktuelle Seuche gibt dazu ein Mandat und Freiheit gleichermaßen. Ich schlage vor, die Gesundheitswirtschaft als eine globale Gemeinwohlökonomie zu denken, mit Mut und Tatkraft zu realisieren und eine Gesunde Marktwirtschaft anzustreben.

Ein kleines Virus legt seine Hände in die Wunden unseres Gemeinwesens. Mit dem Virus zu leben, bringt Veränderungen des bisher normalen Lebens mit sich und fordert eine andere Haltung im Umgang mit den Mitmenschen und der Natur: mehr Empathie und Mitgefühl füreinander und für die Verletzlichkeit unserer Welt. Technokratische Selbstgerechtigkeit und den Machbarkeitswahn der Wachstumsgläubigen hat das Virus vor den Fall gebracht.

Und der Deutsche Bundestag reagiert tatsächlich konstruktiv: Der Antrag der Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD mit dem Titel „Engagement für die Globale Gesundheit ausbauen – Deutschlands Verantwortung in allen Politikfeldern wahrnehmen“ wurde Ende Mai 2020 beschlossen. Weltweit gelte, dass es Wohlstand und Entwicklung ohne Gesundheit nicht geben könne. Deutschland soll für die globale Gesundheit eine Vorreiterrolle einnehmen und auch die gesundheitsförderliche Bedeutung der Bereiche Landwirtschaft, Umwelt, Bildung, Forschung, Außenwirtschaft und Gleichstellung einbeziehen. Die Bundesregierung will jetzt „zeitnah eine ehrgeizige Strategie zur globalen Gesundheitspolitik vorlegen“ (Deutscher Bundestag: Drucksache 19/1949 vom 26.Mai 2020).

Der Beschluss nimmt Bezug auf die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) der Vereinten Nationen, die weltweit eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene anstreben und die allesamt einen Bezug zum Thema Gesundheit haben. Nach dem Ansehen, das Deutschland im Umgang mit der Corona Pandemie erworben hat, liegt im Engagement für ein gemeinwohlstärkendes Gesundheitswesen eine einzigartige Chance. Deutschland kann weltweit dazu beitragen, robuste, preiswerte und wirksame gesundheitliche wie soziale Versorgungssysteme zu entwickeln, die ihre Aufgabe gemeinwohldienlich erfüllen.

Die systemische Fähigkeit mit möglichst günstigem Ressourceneinsatz größere Bevölkerungsgruppen von der Geburt bis zum Tode gesundheitlich gut zu versorgen, sozusagen einen Volkswagen der Gesundheitsversorgung zu bauen, ist auch ein Wirtschaftsprodukt, das überall gebraucht wird. Deutschland war mal die Apotheke der Welt. Deutschland könnte zum Gesundheitsversorger der Welt werden, wenn es die Herausforderung einer nachhaltigen Sicherstellung von Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit anpackt und seine Systemkompetenzen in die globale Gesundheitsversorgung einbringt: Deutschland als Gesundheitsquelle für die Welt.
Die globale Gesundheit braucht Gesundheitssysteme, die ökonomisch, also wirtschaftlich effizient, effektiv und preiswert große Bevölkerungsgruppen versorgen können.

3.2 Das Virus und die gesunde Gesellschaft 

Ärzte aus Bergamo haben sehr früh über ihre konkreten und schmerzlichen Erfahrungen mit Covid-19 berichtet. Sie empfehlen ein Umdenken: In Pandemien seien Lösungen „für die gesamte Bevölkerung erforderlich, nicht nur für Krankenhäuser“, berichtet die Ärztezeitung am 23. März 2020 (https://www.aerztezeitung.de/Politik/Corona-Pandemie-Italienische-Aerzte-fordern-Perspektivwechsel-407939.html): „Westliche Gesundheitssysteme basieren auf dem Konzept der patientenzentrierten Versorgung, aber eine Epidemie erfordert einen Perspektivwechsel hin zu einem Konzept der gemeinschaftszentrierten Versorgung“, schreiben die Autoren. Der Versorgungsdruck, der in Italien auf den Krankenhäusern liege, müsse deshalb auf häusliche Pflege und mobile Dienste verlagert werden. Nur so könne vermieden werden, dass das Versorgungssystem selber zur Verbreitung des Coronavirus beitrage.“ Das RKI beklagt auch in Deutschland über Covid-19-bedingte Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen sowie in Krankenhäusern.

Eine profitgesteuerte Leistungsgesellschaft, die zum Konsum verführt, Konkurrenz und Rivalität als Wert verkauft, produziert allseitig Angst und lebt von der durchdringenden Gier nach Geld und Macht. Die Besitzenden fürchten den Machtverlust, die Konsumenten die Armut und die Abhängigen ihre soziale Ausgrenzung. Die Corona Krise zeigt auch das Versagen einer kommerzialisierten Medizin. Wenn Geld das Krankenhaus regiert, als Maßstab für Wert, Bedeutung und Erfolg, und Chefärzte ihre Entscheidungen den finanziellen Vorgaben des Managements unterwerfen, ist das Gesundheitswesen selbst krank und hilflos einem Virus ausgesetzt. Lukrative Patienten, nicht hilfsbedürftige Kranke sind das Objekt einer profitgesteuerten Medizin. Und plötzlich entsteht unter den Marktrivalen ein weltweiter Kampf um überteuerte Schutzkleidung und Atemmasken, der Arme und Reiche weiter spaltet und einer patientennahen Medizin die Luft nimmt. 

Geld- und Machtinteressen als Antrieb für medizinischen Erfolg gehen über die Gesundheitsinteressen der Bevölkerung schamlos hinweg. Nur wer zahlen kann, bekommt schnelle Hilfe. Der Kapitalismus in seiner Gier kolonialisiert jetzt den Leib, nachdem die Kolonien abgeschöpft sind. Die Sehnsucht kranker wie gesunder Menschen richtet sich aber auf die Sicherstellung einer humanen Gesellschaft. Eine Heilkunde des Sozialen gehört seit jeher zum ärztlichen Auftrag. Sie motiviert Ärztinnen und Ärzte für ihre Aufgabe, nicht der Mammon: „Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Bevölkerung.“ Die ärztliche Berufsordnung fordert das ebenso wie das ärztliche Gelöbnis ein und in der Corona Krise haben viele Ärztinnen und Ärzte dafür ihr Leben gegeben. Menschlichkeit ist der Leitstern sozialer Gesundheitssysteme.

Im gesunden Organismus vertraut die Herzzelle der Leberzelle und der Gehirnzelle. Lebendige Organismen haben keine Kaiser, Päpste, Chefs oder autoritäre Machtinstanzen: Leben ist dezentrale Selbstorganisation mit zentral dienender Koordination. "Unsere Körper sind nichts anderes als hochkomplexe Gesellschaften von ziemlich autonomen Zellen, (...). Die Schönheit liegt in dem koordinierten Verhalten von so vielen Zellen, einzig um diese eine, hochfunktionale Kooperation herzustellen, die den menschlichen Körper ausmacht“, formuliert dazu die Krebsforscher und Mediziner Robert Weinberg und Douglas Hanahan. Selbstorganisation und Selbststeuerung sind konstituierend für soziale Lebenssysteme und wenn wir in sozialen Netzwerken denken und handeln, wird mit dem „Nervengewebe“ der Informationstechnologie eine hierarchiefreie gesellschaftliche Kooperationskultur möglich.

3.3 Das Gesundheitswesen zwischen Ethik und Monetik

Die gesundheitspolitische Weichenstellung nach der Erfahrung mit der Corona Pandemie lautet: Wollen wir ein Gesundheitswesen, das dem Kapital mit seinen Interessen übereignet wird oder wollen wir ein Gesundheitswesen, das der Bevölkerung gehört und ihre Gesundheitsbedürfnisse erfüllt? Politik, Ärzte, Pflegedienste, Krankenhäuser, Krankenkassen, die Bürgerinnen und Bürger und die Organisationen der Zivilgesellschaft sind nun herausgefordert, eine Gesundheitswirtschaft umzusetzen, die sozial verantwortlich handelt und die Knochenbrüche des einzelnen Menschen ebenso wirksam behandelt, wie die Risse des sozialen Bindegewebes. Sinn, Vertrauen und Verantwortung für ein gesundes Gemeinwesen sind der Horizont für die Gemeinwohlökonomie und eine Gesunde Marktwirtschaft: Ein grünes Programm!

Künftige Medizin und Pflege betreuen den Menschen mit seinen körperlichen, seelischen und sozialen Bezügen. Sie nehmen Abschied vom Maschinenbild des Lebens und vom Reparaturdenken für defekte Zellen und Organe. Die Vorstellung von Körper-Maschinen und Gesundheitsfabriken entspricht nicht nur einer veralteten Organisationslogik, sondern auch einer Naturwissenschaft der Vergangenheit. Zukünftige Heilkunst und Pflege denken und handeln in vernetzten Systemen. Sie sehen genetische Vorgaben, die Biographie von Personen und die soziale Kultur miteinander verwoben. Gesundheit wird so zum Maßstab für eine gesellschaftliche Entwicklung, die den Zusammenhalt und die Mitmenschlichkeit fördert und Inklusion statt Ausgrenzung organisiert.

Die Neurobiologie versteht heute das Gehirn als ein Sozialorgan, lebenslang ausbaubar, anpassungsfähig und flexibel. Die Masse der Gehirnzellen ist nicht endgültig festgelegt, sondern kann auch im Alter noch zunehmen. Der Psychiater Thomas Fuchs fasst die neue Sichtweise so zusammen: „Das Gehirn ist vor allem ein Vermittlungsorgan für die Beziehungen des Organismus zur Umwelt und für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Diese Interaktionen verändern das Gehirn fortlaufend und machen es zu einem biographisch, sozial und kulturell geprägten Organ“. Vertrauen in die eigene Kompetenz, Vertrauen in die Treue oder Redlichkeit der Anderen und Vertrauen darauf, dass es wieder gut wird, harmonisieren das Gehirn. Begründetes wie krankhaftes Misstrauen produzieren Angst, Verunsicherung und führen zu chronischem psychosozialem Stress, der die Infektanfälligkeit nachweisbar erhöht und die USA von Deutschland unterscheidet.

Die Ökonomie im Gesundheitswesen muss auf die Selbstorganisation und die soziale Verantwortungsbereitschaft aller beteiligten Akteure setzen und die Organisationsprinzipien lebendiger Organismen auf die Organisationskulturen sozialer Systeme anwenden. Wenn wir soziale Systeme als lebendige Organismen begreifen, werden Machthierarchien und Kontrollbürokratien überflüssig. Selbstorganisierte Kooperationen mit Transparenz der Verhältnisse und einer kontinuierlichen Selbstkontrolle der einzelnen Organe und Zellen im Organismus des Gesundheitswesens sind ökonomisch effizienter und effektiver. Schlagworte wie Digitalisierung, demographischer Wandel oder Globalisierung beschreiben eine Welt im schnellen Wandel. Die Informationstechnologie und die sozialen Kommunikationsmedien können für Ausbeutung, Unterdrückung und das „Schreckliche“ ebenso genutzt werden, wie für Aufbruch, Gemeinschaft, kooperative Handlungskulturen und das „Strahlende“.

„Soziale Beziehungen, Psyche und die verschiedenen Subsysteme des menschlichen Organismus, allen voran Nerven-, Hormon- und Immunsystem sind unauflösbar miteinander verbunden und in komplexen Netzwerken organisiert – und das über die gesamte Lebensspanne hinweg“ sagt der PNI Forscher Christian Schubert. Die Funktionalität und das Zusammenspiel dieser Netzwerke entscheiden darüber, ob ein Mensch gesund bleibt oder krank wird, sich vital oder erschöpft fühlt, langsam oder schnell altert. Gesundheit ist Ausdruck einer Kooperationskultur von Individuum und sozialem Gefüge und somit auch ein verlässlicher Maßstab für gelingende Gesellschaft und für Wirtschaftsbeziehungen, die dem Gemeinwohl dienen.

Das Gesundheitssystem ist der Schlüssel für die Salutogenese und die Resilienz der Gesellschaft. Es entscheidet maßgeblich darüber, ob die Gesellschaft ihren inneren Frieden findet und zusammenhält oder ob sie in gruppenegoistische Subsysteme mit destruktiver Konkurrenz zerbricht. Die Corona Krise bestätigt die Zusammenhänge eindrücklich. „Reinventing Politics“ fordert den politischen Mut, auf bürgerschaftliche Selbstorganisation, dezentrale Autonomie und die Verantwortlichkeit der Menschen in ihren sozialen Bezügen zu setzen.

3.4 Gemeinwohlökonomie und Gesunde Marktwirtschaft

Für gesundheitliche Dienstleistungen und Produkte wurden 2019 in Deutschland 407,4 Milliarden Euro aufgewendet. Das waren 11,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Die Vereinigten Staaten von Amerika pumpen knapp 17 % ihres Bruttoinlandproduktes in die Gesundheitsindustrie. Die kapitalistische Dienstleistungswirtschaft des freien Marktes kommt dort teuer, erreicht aber nur ein geringes Maß an sozialer Gesundheit und dekompensiert schnell, wenn ein Virus die Bevölkerung bedroht. Das Geschäft mit der Krankheit blüht trotzdem und die vorherrschenden Kapitalverwertungsinteressen führen zur Ausgrenzung der wirklich Versorgungsbedürftigen. Wenn der Mitteleinsatz für die Gesundheitsversorgung amerikanische Dimensionen hätte, stünden dem Versorgungssystem in Deutschland 180 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich zur Verfügung. 

180 Milliarden Euro sind das Finanzierung-Äquivalent von bis zu 4 Millionen Pflegekräften, Yogalehrern, Physiotherapeuten, Ärzten im Praktikum oder Krankenschwestern und Pflegern. Eine florierende Aktienbesitzermedizin wie in den USA würde aber weniger in solch personale Heilkraft, in helfende Hände und pflegende Menschen investieren. Das bringt keine Rendite. Die gibt es für Herzklappen, Beatmungsgeräte und andere Technologieprodukte, die überall auf der Welt und besonders in China hergestellt werden, auch Pharmaka oder digitale Vermarktungsweisen sind profitabel: 180 Milliarden versprechen in der kapitalistischen Gesundheitswirtschaft gut 18 - 36 Milliarden privatisierte Gewinnabschöpfung. Arbeitskräfte, die nur lokal und regional pflegen und therapieren sind weniger lukrativ. Die Gegensätze zwischen sozialem Gewinn und individualisiertem Profit werden deutlich, auch der Scheideweg zwischen sozialer Gesundheit und individuellen Kapitalinteressen.

Individuelle und soziale Gesundheit stellen Werte dar, die nicht an der Börse gehandelt werden können. Gesundheit als Ziel bildet ein Bindegewebe, das die Menschen jenseits von ökonomischen und privaten Beziehungen miteinander verbindet. Eine vertrauenswürdige Medizin und Pflege leben von einem systemischen Verständnis des Gesundheitswesens: es ist ein sozialer Organismus mit kooperierenden Versorgungszellen, Kassenorganen und Körperschaften. Eine Gemeinwohlökonomie im Gesundheitswesen wird zum Hoffnungsträger für die Gesellschaft zwischen globalen Kapitalmärkten und individualisierter Auslieferung an Not und Krankheit. Die politische Kernaufgabe umfasst dabei die Gestaltung einer integrierten Medizin und einer integrierten Gesundheitsversorgung. Reinventing Politics und couragierte Gesundheitspolitik können zum heilenden Balsam für das zerbrechende soziale Bindegewebe werden und die gesellschaftlichen Verhältnisse so umgestalten, dass sie individuelle und soziale Gesundheit gleichermaßen fördern.

Gemeinwohlökonomie im Gesundheitssystem führt zu einem gesunden Ausgleich zwischen den egoistischen Impulsen einer kapitalistischen Produktionswirtschaft und den mitmenschlichen Bedürfnissen oder Gemeinschaftsidealen der Bürgerinnen und Bürger in der Informationsgesellschaft. Ein so gestaltetes Gesundheitssystem minimiert gesellschaftliche Destruktivität und optimiert gesellschaftliche Produktivität. So gesehen dürfte eine preiswert erreichte psychosoziale Gesundheit in Deutschland auch neue Produktivkräfte für die künftige Volkswirtschaft entfalten. Das Instrumentarium des freien Marktes bleibt, aber die Maßstäbe ändern sich. Kontinuierlich und transparent gemessen wird dann nicht der Profit in Euro oder Dollar, sondern der Nutzen für die Gesellschaft mit einem gemeinwohldienlichen Maß. Wir können es umsetzen und damit eine Gesundheitswirtschaft begründen, die alltäglich beweist, was Gemeinwohlökonomie und Gesunde Marktwirtschaft zu leisten vermögen: sie sichern das individuelle und soziale Wohl für Alle und es wächst die Fähigkeit der Menschen, in ihren Lebenswelten mit Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern ohne Angst fertig zu werden.