Nachruf: Werner Kieser

„Der Mensch wächst am Widerstand“

Kieser 579

Foto: Werner Kieser (rechts) im Gespräch mit dem früheren Dozenten des Berufsverbandes der Präventologen, Gert von Kunhardt, und seiner Frau Marlén.
Beide einte der reduktionistische Ansatz, bei unterschiedlicher Bewertung der Trainingsintensität.

Als ich vor 20 Jahren - noch jung – ein Hüftgelenk nicht ganz fachgerecht ersetzt bekam, erklärte mir der Operateur, ich solle im Interesse des Gelenkerhalts stets auf eine gut trainierte Hüftmuskulatur achten. Dadurch motiviert und beim Reha-Training angeregt, sichtete ich Fachliteratur und suchte Möglichkeiten der Umsetzung. Allerdings stießen mich die besichtigten „Fitnesstempel“ regelrecht ab. Dann stieß ich auf Werner Kiesers Buch „Die Seele der Muskeln“, was mich restlos überzeugte. Kurz darauf eröffnete Kieser-Training eine Filiale in meinem Stadtbezirk. Seitdem bin ich dort begeisterter Kunde.

Werner Kieser entstammte einer bäuerlichen Umgebung in der Schweiz, erlernte den Schreinerberuf, bekam aber engen Kontakt zu einem älteren Resistance-Mann, einem Künstler, der ihn nicht nur mit Kunst konfrontierte, sondern auch auf die Philosophie aufmerksam machte. Durch Zufall erlebte er das Muskelaufbautraining als Gesundheitsressource und begann mit der Entwicklung von Trainingsmitteln aus Alteisen. 1966, als noch kaum jemand Muskeln für wichtig erachtete, eröffnete er in Zürich seine erste Krafttrainingsstätte und gründete 1967 mit zusammengeborgtem Geld die Kieser Training AG.

1975 erwarb Kieser das Trainerdiplom und trainierte Schweizer Olympia-Athleten. Wenig später lernte er den genialen US-Tüftler Arthur Jones kennen, übernahm für seine Studios als erster in Europa dessen Nautilusmaschinen und später die therapeutisch ausgelegten MedX-Geräte, u.a. spezielle Maschinen zum Training der schwer erreichbaren, tiefen Wirbelsäulenmuskeln.

Mit seiner Frau Gabriele, die als Ärztin den medizinischen Teil begleitete, richteten sie ihr Angebot voll auf die gesundheitlichen Aspekte des Krafttrainings aus. Auch die Trainingsmethode war innovativ: Kurz und intensiv, und eben an Maschinen, wo man nicht ausweichen kann: „Weniger ist mehr.“ Stets betonte er die Erkenntnis, dass zwar „etwas“ Bewegung besser sei als gar keine, aber Bewegung ohne angemessenen Widerstand für den Muskelerhalt nichts beiträgt.

2017 übergab das Ehepaar Kieser das Unternehmen an Mitarbeiter. Werner Kiesers letzte Arbeit wurde nicht mehr vollendet: In seinem Bastelkeller hatte er an einem Trainingsgerät für zuhause geknobelt.

Werner Kieser war ein universeller, sehr unabhängiger Geist. Mit Anfang 60 schrieb er sich in einer britischen Fernuniversität im Fach Philosophie ein – um Englisch zu lernen, und erwarb mit 70 den Master. Seit seiner Jugend faszinierte ihn, den „Individual-Anarchisten“, der Philosoph Max Stirner, ein Zeitgenosse von Marx.

Kunst interessierte den Autodidakten schon seit der Jugend, war 2000 bis 2006 sogar Präsident der Kunstschule F+F in Zürich. Kahle Betonwände fand er ehrlicher als Tapeten und bedauerte, dass Beton nicht durchsichtig ist, um die Ästhetik der Armierung zu sehen. Im Alter erlernte er Ur-Schweizer Musikinstrumente. Blumen gehörten für ihn in die Natur und nicht im Topf ins Haus.

Ein Leben und Training nach dem Motto: Konzentration auf das Wesentliche - „So viel wie nötig, so wenig wie möglich – aber nicht weniger!“, weshalb man ihn auch den „Mies van der Rohe der Fitness“ nannte.

Sein Weg war, wie so oft bei Innovatoren, steinig: Zuerst beschwiegen, dann bekämpft, schließlich nachgeahmt. Aber: „Aufgeben ist unanständig!“ Ich bin als Nutznießer dieses Pioniers sehr dankbar, ihn kennengelernt zu haben und muss nun hinnehmen, dass er fehlen wird. Sein Wort war mir wichtig.

Werner Kieser starb am 19. Mai in seinem Hause, im Beisein seiner Frau, an Herzversagen.

Zu seinem Lebenswerk gibt es Filme, hier ein Beispiel auf YouTube

Text: Dr. Karl-Adolf Zech