• 25 Jahre 25 Impulse 3

Die Verabschiedung der Ottawa-Charta durch die WHO vor 40 Jahren war ein Meilenstein und ist weiter Fundament und Zukunft der modernen Gesundheitsförderung  / Präventologin und Vorsitzende des Berufsverbandes, Dorothée Remmler-Bellen beendet mit diesem Beitrag unserer Reihe "25 Jahre - 25 Impulse" 


 

Mit der Verabschiedung der Ottawa-Charta durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 21. November 1986 in Kanada wurde ein internationaler Meilenstein gesetzt. Anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums im Jahr 2026 zeigt sich die ungebrochene Relevanz dieses Leitdokuments, das die theoretische Basis und die praktische Ausrichtung der modernen Gesundheitsförderung bis heute maßgeblich prägt.

Das neue Paradigma: Gesundheit als dynamische Ressource
Die Ottawa-Charta markierte einen fundamentalen Paradigmenwechsel, indem sie das rein biomedizinische Defizitmodell (Gesundheit als bloße Abwesenheit von Krankheit) überwand. Sie etablierte ein salutogenetisches, ganzheitliches Verständnis: Gesundheit wird als positives Konzept und als wesentliche Ressource des alltäglichen Lebens definiert. Das primäre Ziel ist das „Empowerment“ – die Befähigung der Bevölkerung, ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit und deren Determinanten zu erlangen.

Der Setting-Ansatz: Lebenswelten im Fokus
Ein Kernbeitrag der Charta ist die Begründung des Lebenswelt- oder Setting-Ansatzes. Die Prämisse lautet, dass Gesundheit in den alltäglichen Kontexten entsteht und gelebt wird – dort, wo Menschen lernen, arbeiten, spielen und lieben. Dieser strukturelle Zugang bildet bis heute das Fundament der Arbeit des Berufsverbandes der Präventologen e.V.. Er erfordert eine konsequente Ausrichtung an den realen Lebenswelten der Menschen, die Stärkung individueller und kollektiver Ressourcen, aktive Partizipation sowie das übergeordnete Ziel, gesundheitliche Chancengerechtigkeit (Health Equity) strukturell zu verankern.

Die fünf zentralen Handlungsfelder
Zur praktischen Umsetzung dieses Leitbildes definiert die Charta fünf strategische Handlungsfelder, die das Verhalten des Einzelnen (Verhaltensprävention) mit der Gestaltung der Umwelt (Verhältnisprävention) verknüpfen:

  1. Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik: Integration von Gesundheitsaspekten in alle Politikbereiche (Health in All Policies)
  2. Schaffung gesundheitsfördernder Lebenswelten: Ökologische, soziale und strukturelle Gestaltung von Alltagsumgebungen
  3. Unterstützung gesundheitsorientierter Gemeinschaftsaktionen: Stärkung der gesellschaftlichen Partizipation und kommunalen Selbsthilfe
  4. Entwicklung persönlicher Kompetenzen: Förderung von Lebenskompetenzen und Gesundheitskompetenz (Health Literacy)
  5. Neuorientierung der Gesundheitsdienste: Wandel von rein kurativen Systemen hin zu einer integrierten, präventionsorientierten Versorgung

Eine Bilanz nach vier Jahrzehnten: Erfolge, Defizite und Transformationsbedarf

Nach 40 Jahren zieht die Fachwelt eine gemischte Bilanz:

  • Globaler Kompass: Weltweit fungiert die Charta unverändert als ethischer und fachlicher Orientierungsrahmen für Präventionsstrategien und den Abbau gesundheitlicher Ungleichheit.
  • Strukturelle Defizite in Deutschland: Im internationalen Vergleich betonen Experten im Jubiläumsjahr 2026 eine fortwährende strukturelle und finanzielle Unterentwicklung der Gesundheitsförderung im deutschen Gesundheitssystem. Trotz gesetzlicher Initiativen wie dem Präventionsgesetz dominieren nach wie vor kurative Strukturen; die Verhältnisprävention wird institutionell oft unzureichend prioritär behandelt.
  • Herausforderungen der Moderne: Die globalen Krisen des 21. Jahrhunderts erfordern eine Weiterentwicklung des klassischen Charta-Kontexts. Megatrends wie die digitale Transformation (und die damit verbundene digitale gesundheitliche Kluft), die Verschärfung sozialer Ungleichheiten sowie die Klimakrise verlangen eine Erweiterung der Ansätze im Sinne der Planetary Health (Planetare Gesundheit) – denn menschliche Gesundheit ist untrennbar mit intakten ökologischen Systemen verbunden.

Dieser Impuls wurde von unserer Präventologin, Vorstandsvorsitzenden und Dozentin Dorothée Remmler-Bellen verfasst.

Remmler Bellen b

Nettetal, NRW

Ihre Schwerpunkte: Präventologin, Entwicklerin GLK – Gesundheit und Lebenskompetenz®, Hochschullehrerin, Mathematikerin, Moderatorin


Mitglied im Berufsverband der Präventologen

  


 

25 Jahre - 25 Impulse

In diesem Jahr feiert der Berufsverband der Präventologen sein 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass haben wir eine besondere Themenreihe gestartet.

In "25 Jahre - 25 Impulse" geben unsere Mitglieder kleine Anstöße für Gesundheitsbewusstsein und Prävention im Alltag - und zeigen damit die große Vielfalt und Kompetenz unserer lebendigen Community.

Am 19. September laden wir zu einem Online-Jubiläums-Kongress ein - für Präventologinnen und Präventologen, Mitglieder, Partner und Freunde.

Möchten Sie Präventologe/Präventologin werden? Haben Sie Fragen zu unseren Bildungsangeboten?
Dann kontaktieren sie uns. Wir helfen Ihnen gerne weiter.